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    Prompt statt Photoshop: Wie sich unser Arbeiten ändert

    Webseiten ohne eine Zeile Code, Grafiken im eigenen Corporate Design auf Zuruf: Für Medienschaffende verschiebt sich gerade das Handwerk. Gefragt ist nicht mehr, wer ein Programm bedienen kann, sondern wer sagen kann, was er will. Ein Praxisbericht mit Werkzeugen, Regeln und drei Projekten fürs Wochenende.

    Prompt statt Photoshop: Wie sich unser Arbeiten ändert

    Von Christian Jakubetz

    Mittwoch, später Nachmittag. Meine neue Website geht online. Gebaut habe ich sie nicht, jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Ich habe sie beschrieben: wer ich bin, was ich mache, wie sie aussehen soll. Den Rest hat Lovable erledigt. Kein HTML, kein CSS, kein Abend mit einem Webdesigner, der mir erklärt, warum das mit dem Menü leider nicht geht.

    Am selben Tag sitze ich an einem Word-Dokument. Mit Copilot, also mit der KI von Microsoft, eingebaut in das Programm, mit dem ich seit über dreißig Jahren schreibe. Heimvorteil, sollte man meinen. Das Ergebnis: ganz viele Entschuldigungen von Word, warum dieses oder jenes gerade nicht so wirklich funktioniert. Und sehr, sehr lange Reaktionszeiten. Wenn man gute und funktionierende KI-Tools gewohnt ist, eine maßlose Enttäuschung.

    Zwei Szenen, ein Tag. Und eine ziemlich klare Erkenntnis: Die Frage, welches Programm man beherrscht, ist gerade dabei, sich zu erledigen.

    Vom Bedienen zum Beschreiben

    Jahrzehntelang war Medienhandwerk auch Werkzeughandwerk. Wer Layout wollte, musste InDesign können. Wer eine Website wollte, brauchte HTML oder jemanden, der es konnte. Wer ein Bild freistellen wollte, saß eine Stunde in Photoshop. Die Software war die Hürde, und wer sie genommen hatte, hatte einen Job.

    Diese Hürde fällt gerade. An ihre Stelle treten zwei andere Fähigkeiten:

    • Beschreiben: präzise sagen, was man will. Zielgruppe, Ton, Aufbau, No-Gos.
    • Beurteilen: erkennen, ob das Ergebnis taugt. Und wenn nicht, warum.

    Das Schöne daran: Beides ist journalistisches Kerngeschäft. Wer seit Jahren Briefings schreibt, Texte redigiert und Fotografen erklärt, welches Motiv er braucht, ist für diese neue Welt besser gerüstet als mancher Entwickler. Wir haben das Prompten erfunden, lange bevor es so hieß.

    Und schließlich: daraus resultiert auch eine neue Form dessen, was wir von zwei Jahrzehnten crossmediales Arbeiten nannten, aber immer Probleme bei der Durchführung hatten. Die Gründe: siehe oben. Nebenbei: Mein InDesign und andere Programme rosten allmählich vor sich hin, ich vermute, Word und Powerpoint droht ein ähnliches Schicksal.

    Vibe-Coding: Webseiten ohne Code

    Der Begriff stammt vom KI-Forscher Andrej Karpathy und klingt nach Feierabendbier. Gemeint ist: Man programmiert nicht, man beschreibt. Die KI schreibt den Code, man schaut sich das Ergebnis an und sagt, was anders sein soll. Den Code selbst muss man nie sehen. Warum auch? Journalisten und Medienmenschen wie du und ich interessieren sich im Regelfall nicht für Codes. Und der Satz, dass gute Journalisten auch coden können müssten (der war vor Jahren mal sehr populär) kann inzwischen auch auf den Müllhaufen.

    Werkzeuge für gutes Vibe-Coding gibt es inzwischen einige, etwa Lovable, Bolt, Replit oder Claude. Für Medienleute interessant sind dabei weniger die großen Apps als die kleinen Dinge, die bisher nie gebaut wurden, weil sich der Aufwand nicht lohnte:

    • Landingpage für ein Webinar oder eine Veranstaltung
    • Portfolio-Seite für Freie, die mehr ist als ein LinkedIn-Profil
    • Interaktive Grafik zu einem Artikel, etwa ein Zeitstrahl oder eine Karte
    • Kleiner Rechner, zum Beispiel für Honorare oder Zeilengeld
    • Recherche-Tracker, in dem Quellen, Termine und Status zusammenlaufen

    So klappt es: drei Regeln

    1. Erst das Briefing, dann der Prompt. Schreib auf, was die Seite leisten soll, für wen, in welchem Ton und mit welchen Inhalten. Eine halbe Seite reicht. Wer mit „Mach mir eine schöne Website“ anfängt, bekommt eine, die aussieht wie alle anderen.
    2. In kleinen Schritten bauen. Erst die Struktur, dann die Texte, dann das Design, dann die Details. Wer alles in einen Prompt packt, verliert die Kontrolle und weiß hinterher nicht, welche Änderung was kaputt gemacht hat.
    3. Die KI baut, du haftest. Impressum, Datenschutzerklärung, Cookie-Fragen, Hosting, Domain und Wartung bleiben deine Sache. Auch wenn die Seite in einer Stunde steht: Das juristische Kleingedruckte schreibt sich nicht von selbst.

    Kleine Offenlegung: Auch diese Webseite ist komplett vibegecodet, nämlich mit Lovable. Das funktioniert erstaunlich gut. Wobei auch hier gilt: Je komplexer so eine Seite wird, desto schwieriger wird es auch für Lovable. Und natürlich muss man vorher auch in diesem Fall so halbwegs wissen, was man überhaupt will. Riesiger Vorteil an Lovable: man kann Seiten dort auch hosten (wie diese hier) und ein schnelles Update ist tatsächlich schnell gemacht. Und schließlich: Man kann sich alles, wirklich alles nach eigenen Bedürfnissen gestalten, sogar den Editor.

    Bilder, Grafiken, Corporate Design

    Ähnlich bei allem, was visuell ist. Social-Karussells, Thumbnails für YouTube, Infografiken, Präsentationen: Was früher einen Grafiker oder einen langen Abend mit Canva brauchte, entsteht heute im Gespräch. Und zwar nicht irgendwie, sondern im eigenen Look, wenn man der KI einmal sagt, wie dieser Look aussieht.

    Der eigentliche Hebel heißt Design-System. Farben, Schriften, Logo, Abstände, Tonalität: einmal sauber festgehalten, und jede Grafik danach sieht aus, als käme sie aus derselben Werkstatt. Die Grafiken zu diesem Beitrag sind übrigens genau so entstanden.

    So klappt es

    • Einmal investieren: Leg dein Design-System an, mit Hex-Farbwerten, Schriftnamen und zwei, drei Beispielen, die dir gefallen. Das ist eine Stunde Arbeit, die sich ab der zweiten Grafik rechnet.
    • Typo schlägt Stockfoto: Eine starke Zeile auf klarer Fläche wirkt in Feeds oft besser als das hundertste generierte Bild vom Roboter am Laptop.
    • Vorlagen statt Einzelstücke: Lass dir lieber eine Vorlage bauen, die du immer wieder befüllst, als jedes Mal neu anzufangen.

    Wo die Grenze verläuft

    Für Journalisten gibt es hier eine Linie, die man nicht verwischen sollte: Generierte Bilder sind Illustration, keine Dokumentation. Ein KI-Bild von einer Demo, einem Unfall oder einem Politiker hat in einem journalistischen Kontext nichts verloren, auch nicht „nur als Symbolbild“. Dazu kommen die üblichen Fragen: Kennzeichnung, Bildrechte, Persönlichkeitsrechte. Die Technik ist großartig. Sie macht das Urteil nicht überflüssig.

    Und die Platzhirsche?

    Bleibt die Frage, warum ausgerechnet Microsoft und Adobe, die Firmen, deren Programme unser Arbeitsleben jahrzehntelang bestimmt haben, dabei so seltsam alt aussehen.

    An mangelnder Technik liegt es nicht. Beide haben Geld, Ingenieure und eigene KI-Modelle. Das Problem ist eher die Architektur: Die KI wird an Oberflächen angeflanscht, die für eine Welt gebaut wurden, in der Menschen Knöpfe drücken. Copilot sitzt in Word wie ein Praktikant, der zwar alles weiß, aber nur durch einen schmalen Türspalt mitreden darf. Die neuen Werkzeuge denken die Arbeit von der anderen Seite: Erst kommt das Gespräch, dann das Ergebnis, und das Programm dahinter ist Nebensache.

    Meine Copilot-Erfahrung ist natürlich nur eine Erfahrung. Andere werden bessere gemacht haben, und Microsoft wird nachbessern. Aber sie passt zu einem Muster, das man gerade überall beobachten kann. Aber auch bei Adobe stelle ich fest: Es gibt ein Leben ohne Photoshop, Premiere und Audition. Diesen Satz aufzuschreiben, hätte ich vor zwei Jahren noch für weitgehend undenkbar gehalten.

    Die eigentliche Pointe ist eine andere: Die Platzhirsche verschwinden nicht, sie wandern in die zweite Reihe. Adobe und Canva lassen sich inzwischen direkt aus KI-Assistenten wie Claude heraus bedienen. Man sagt im Chat, was man braucht, und im Hintergrund werkelt die Profi-Software. Für Adobe ist das ein Geschäftsmodell. Für uns heißt es: Die wichtigste Oberfläche ist nicht mehr das Programm, sondern das Gespräch.

    Was Handwerk bleibt

    Heißt das, man braucht keine Webdesigner, Grafikerinnen und Entwickler mehr? Nein. Es heißt, dass die einfachen Dinge nicht mehr bei ihnen landen müssen, und die schwierigen umso mehr.

    Was die KI nicht übernimmt:

    • Urteilskraft: Ist das gut? Passt das zu uns? Würde ich das so veröffentlichen?
    • Qualitätskontrolle: Stimmen die Fakten, funktionieren die Links, ist die Seite auf dem Handy lesbar?
    • Recht: Impressum, Datenschutz, Bild- und Urheberrechte.
    • Barrierefreiheit: Kontraste, Alt-Texte, Lesbarkeit. Die KI macht das, wenn man sie darum bittet. Von allein selten.
    • Pflege: Eine Website, die einmal gebaut und nie wieder angefasst wird, ist nach einem Jahr eine Visitenkarte von gestern.

    Kurz gesagt: Die KI nimmt uns das Bedienen ab. Das Denken nicht.

    Zum Ausprobieren: drei Projekte fürs Wochenende

    Theorie ist schön, Ausprobieren ist besser. Drei Projekte, die an einem Wochenende machbar sind und danach tatsächlich etwas taugen:

    ProjektWomitZeitaufwandStolperstelle
    Eigene Portfolio-SeiteLovable oder Claude2–4 StundenImpressum und Datenschutz nicht vergessen; Domain vorher klären
    Eigenes Design-SystemClaude, Canva Brand Kit1 StundeExakte Farbwerte und Schriftnamen angeben, nicht „irgendwas Blaues“
    Text als Social-KarussellClaude mit Design-System30 MinutenEine Aussage pro Folie; nicht den ganzen Artikel auf acht Bilder quetschen

    Der Tipp, der für alle drei gilt: Fang mit etwas an, das du wirklich brauchst. Ein Übungsprojekt, das niemand sieht, macht man einmal. Eine Seite, die man Kunden schicken kann, macht man fertig.