Wer gewinnt, wenn alle KI nutzen?
KI zu nutzen, ist inzwischen keine Besonderheit mehr. Entscheidend ist jetzt, wie man KI nutzt. Und ob man weiß, wie die Maschine überhaupt tickt.

Von Christian Jakubetz
Jeder benutzt KI.
Ok, das ist natürlich Nonsens, aber darauf, dass KI‑Nutzung inzwischen Standard und Mainstream ist, können wir uns vermutlich einigen. Es gibt dazu auch etliches an Studien und Zahlen, aber die jetzt hier hervorzukramen, wäre etwas langweilig. Weil sie alles auf dasselbe Ergebnis hinauslaufen. Eines, das man sich als Medienmensch hinter die Löffel schreiben sollte: Sie gehören schon lange nicht mehr zur Speerspitze des Fortschritts, wenn Sie ChatGPT verwenden. Aber als treuer Leser dieses kleinen Newsletters wissen Sie das vermutlich schon, oder?
Was machen, wenn alle mit KI aufgerüstet sind?
Die spannendere Frage ist eine andere: Wenn jetzt dann irgendwann mal alle mit den Supermaschinen arbeiten, welche Möglichkeit habe ich dann noch, mich von allen abzusetzen? Noch mehr prompten, besser prompten, mehr Maschine einsetzen?
Statt einer vorschnellen Antwort würde ich Ihnen gerne die wahre Geschichte eines Schachturniers erzählen.
Im Jahr 2005 nahmen zwei Amateure aus New Hampshire an einem Schachturnier teil, bei dem Großmeister und Supercomputer antraten. Die Amateure gewannen. Die Veranstaltung hieß „Freestyle-Schach“, und es gab eine Regel:
Macht, was ihr wollt.
Spielt allein, nutzt einen Computer, nutzt fünf Computer, ruft den amtierenden Weltmeister zu Hilfe – no limits!
Damals hatten diese beiden Jungs drei gewöhnliche Heim-PCs, auf denen vier verschiedene Schachprogramme liefen, und da keiner von ihnen einen Titel hatte, mussten sie erst eine Qualifikationsrunde gewinnen, um überhaupt am Turnier teilnehmen zu können.
Und dann … gewannen sie das ganze Turnier.
Das klingt erst einmal nach einer Heldensaga, bei der man nicht so genau weiß, was daran noch wahr und was erfunden ist. Nach einem etwas platten Plot für einen Netflix-Movie. Davon aber abgesehen, dass sie wahr ist (die besten Geschichten schreibt ja bekanntlich immer noch das Leben selbst), führt sie zu einer simplen Frage:
Wie können zwei Hobbyspieler ein solches Turnier gewinnen und im Finale einen echten Großmeister matt setzen?
Die Antwort ist so simpel wie überraschend zugleich:
Jeder in diesem Turnier hatte Computer. Und sobald jeder einen Computer hat, ist der Computer kein Vorteil mehr – ebenso wenig wie der Großteil des Schachwissens, denn der Computer spielt das Schach.
Die wichtigste verbleibende Variable war, wie gut die Spieler mit der Maschine umgingen. Da unsere beiden Amateure nicht wirklich gut Schach spielen konnten, hatten sie einen besseren Prozess zum Fragen, Überprüfen und Entscheiden entwickelt als alle anderen Teilnehmer. Deshalb haben sie gewonnen.
Genau das passiert uns allen gerade im Zusammenhang mit KI.
Ihr habt jetzt Zugang zu derselben Maschine wie jeder, mit dem ihr im Wettbewerb steht.
Das hat die Voraussetzungen ausgeglichen – für etwa eine Minute. Dann begann die Neuordnung, genau wie in der Schachwelt, und zwar anhand der einen Variablen, die euch die Maschine nicht liefern kann: wie gut ihr wisst, wie man dieses dumme Ding bedient.
Die meisten Menschen behandeln KI immer noch wie eine ausgefallene Suchleiste, anstatt sie zu nutzen, um die Großmeister zu schlagen.
Um sich von anderen abzuheben, ist der erste Schritt peinlich einfach: Man muss wissen, wozu die Maschine fähig ist. Man muss nicht ewig lange Prompten lernen. Man braucht keine 17 Tools nebeneinander. Man muss auch keine zertifizierten Lehrgänge zum KI-Großmeister machen. Man muss lediglich begreifen, wie die Maschine funktioniert.
Ja, ich weiß: Klingt super banal, ist es wahrscheinlich auch. Aber in vielen Seminaren und Veranstaltungen, die ich zu dem Thema mittlerweile schon gemacht habe, habe ich immer wieder eines bemerkt: Die meisten wollten stur lernen, wie man die Maschine am besten bedient. Fast niemand hat gefragt, wie diese Maschine überhaupt funktioniert.
Dabei ist das Wissen, wie die Kiste tickt, kein schnödes Nerdwissen. Diesen besseren Prozess zum Fragen, Überprüfen und Entscheiden, wie die beiden Hobby-Schachspieler, den bekommt man nur, wenn man die Maschine nicht einfach bedient, sondern wenn man sie versteht.
Die bekannteste Deutung genau dieses Turniers stammt übrigens von Garri Kasparow: Ein schwacher Mensch mit Maschine und besserem Prozess schlägt einen starken Menschen mit Maschine und schlechterem Prozess.
Genau deshalb fangen wir in unserer KI-Agenten-Werkstatt, die am Dienstag beginnt, nicht beim Agenten an, sondern eine Ebene darunter: Was können Sprachmodelle wirklich, wo glänzen sie, wo liegen sie daneben? Erst danach wird gebaut. An zwei Präsenztagen in Ismaning arbeiten Sie mit einem Agenten, der auf echte redaktionelle Aufgaben vorbereitet ist, und gehen mit einem Konzept nach Hause: wo er in Ihrem Ablauf mitarbeitet und wer kontrolliert, was er liefert. Fragen, überprüfen, entscheiden – Sie ahnen es. Die Werkstatt ist dank Start into Media kostenlos, auf 20 Plätze begrenzt, und Sie sollten alle fünf Termine einplanen können. Anmeldungen hier!
Wenn alle dieselbe Maschine haben, gibt es noch eine zweite Frage: Wie bleiben Ihre Inhalte sichtbar, wenn die Welt mit automatisierten Texten geflutet wird? Darum geht es am Mittwoch beim Universalcode-Lunchbreak „Medientrends 2027“. Eine Stunde in der Mittagspause, online, ebenfalls kostenlos.
P.S. Der bessere Prozess der beiden Schach-Amateure hat bei uns übrigens einen Namen. Mehr dazu nächste Woche.