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    Was nutzt KI, wenn keiner mehr gegencheckt?

    Dass KI dem Menschen inzwischen teilweise überlegen ist - geschenkt. Umso wichtiger, dass wir nicht nur über die Rolle der KI nachdenken. Sondern auch über die des Menschen.

    Von Christian Jakubetz

    Es gibt Nachrichten, bei denen man schon beim ersten Satz weiß, wie die Debatte danach läuft. Diese hier ist so eine: Tamedia, einer der größten Medienkonzerne der Schweiz, streicht 41 Stellen, vor allem in den Nachrichtenredaktionen. Allein beim Tages-Anzeiger fallen 17 weg. Gleichzeitig baut das Haus eine eigene Einheit für KI und Daten auf, schickt seine Leute in verpflichtende KI-Kurse und veröffentlicht KI-generierte Texte, ohne sie zu kennzeichnen. So hat es das Schweizer Magazin Republik recherchiert.

    Den Rest kann man sich denken. Die einen sagen: Seht ihr, die Maschine frisst den Journalismus. Die anderen sagen: Strukturwandel, war doch klar, wer jetzt noch jammert, hat den Schuss nicht gehört.

    Ich glaube, beide liegen daneben.

    Dass KI Texte schreibt, ist nicht das Bemerkenswerte. Das passiert inzwischen in fast jeder Redaktion, mal mehr, mal weniger offen. Und dass Verlage sparen müssen, ist leider auch keine Neuigkeit: Bei Tamedia ist es laut Republik die siebte Abbauwelle in sechs Jahren. Und: Es ist eine Frage der Zeit, dass wir Ähnliches auch in Deutschland erleben werden. Bei allem, was nüchterne Nachrichtentexte, Pressemitteilungen oder andere Standards angeht, gilt: Die Maschine ist dem Menschen überlegen, let's face it.

    Bemerkenswert ist die Reihenfolge. Erst führt man die Maschine ein. Dann reduziert man genau die Leute, die ihre Ergebnisse prüfen könnten. Und dann veröffentlicht man die Texte so, dass die Leser nicht erfahren, wer sie geschrieben hat. Ob die Abnahme bei Tamedia trotzdem funktioniert, weiß ich nicht. Aber leichter gemacht hat man es ihr nicht.

    Das Unternehmen sagt, es wolle menschlichen Journalismus nicht durch KI ersetzen. Und es sagt, KI könne gerade im Regionalen und Lokalen einen Mehrwert bringen. Den zweiten Satz unterschreibe ich sofort. Eine Lokalredaktion, die sich von Pressemitteilungen, Polizeimeldungen und Ratsprotokollen entlasten lässt, hat mehr Zeit für die Geschichten, die niemand sonst erzählt. (Zu dem Thema bekommen Sie übrigens demnächst eine Folge vom Universalcode-Podcast, wo ich mit Markus Knall, Chefredakteur von Ippen Media und Universalcode-Autor, genau über dieses Thema spreche).

    Das ist die gute Version dieser Zukunft, und sie ist realistisch. Nur funktioniert sie nicht von allein.

    Redaktionen haben über Jahrzehnte eine Arbeitsweise entwickelt, die man gerade ein wenig zu leichtfertig über Bord wirft. Bevor ein Text geschrieben wird, legt jemand fest, was er leisten soll. Und nachdem er geschrieben ist, entscheidet jemand, ob er taugt. Das sind die beiden Momente, in denen Journalismus entsteht. Das Tippen dazwischen war schon immer der kleinere Teil. Zumindest bei den Standards, große Reportagen und lange Essays sind noch einmal eine ganz andere Nummer.

    Diese beiden Schritte verschwinden gerade nicht wegen der KI. Sie verschwinden, weil man glaubt, die KI mache sie überflüssig. Das Gegenteil ist richtig: Je mehr die Maschine schreibt, desto wichtiger werden die Menschen davor und danach. Wer bei denen spart, spart nicht bei den Kosten. Er spart an der Qualitätskontrolle.

    Und die Kennzeichnung? Offen gesagt verstehe ich nicht, warum man sich das antut. Leser verzeihen einer Redaktion vieles, auch einen KI-Text, der offen als solcher markiert ist. Was sie nicht verzeihen, ist das Gefühl, getäuscht worden zu sein. Vertrauen ist das einzige Kapital, das sich nicht mit einem besseren Modell zurückkaufen lässt.

    Die gute Nachricht: Nichts davon ist Schicksal. Die Maschine ist ein ziemlich guter Mitarbeiter, wenn jemand weiß, was er von ihr will, und hinterher genau hinschaut. Das ist keine Frage der Technik, sondern eine der Führung. Und Führung kann man lernen.

    Cognitive First live

    Wie das in der Praxis aussieht, zeige ich am 17. November in „Cognitive First Live”: eine echte Aufgabe, zweimal erledigt, einmal wie üblich und einmal mit Methode. Bis 1. November gibt es den Early Bird für 59 Euro. [Mehr erfahren]