10 Ideen für die Zukunft des Radios
Wie geht es weiter mit dem Thema Radio – auch und vor allem in Zeiten, in denen Podcasts eine immer größere Rolle spielen? 10 Vorschläge von unseren Autoren Jörn Krieger und Markus Kaiser.

Von Jörn Krieger und Markus Kaiser
In den vergangenen Wochen haben wir viel über das Radio der Zukunft diskutiert. Begonnen hat es mit einem Gastbeitrag auf Radioszene.de (https://www.radioszene.de/211561/soll-radio-mit-seinen-hoerern-altern.html), ob Radiosender mit ihren Hörern altern sollen. Über Formatradio haben wir anschließend im Podcast SatzZeichen (https://open.spotify.com/episode/0ogulHa1mS4UDmpCMbH8vV) gesprochen und mit mehreren Gastbeiträgen im Blog Medien-Kaiser (https://medien-kaiser.de/) unter anderem darauf geschaut, wie Künstliche Intelligenz Audio verändern wird. Was als Pro & Contra auf Radioszene.de begann, mündet hier in gemeinsamen zehn Ideen fürs Radio der Zukunft.
1. Baut wieder neue Persönlichkeiten auf!
Irgendwie klingen alle Formatradios sowie Radiomoderatorinnen und -moderatoren gleich? Kein Wunder und kein Vorwurf an die Radiomacher. Sie bekommen ja auch abtrainiert, ihre eigene Persönlichkeit stark einzubringen, erhalten vorgegeben, wann sie was zu sagen haben. Statt in Breaks nur Elemente wie die Uhrzeit, den Sendernamen und Senderclaim einzustreuen, liegt die Zukunft darin, wieder neue Persönlichkeiten aufzubauen. Auch spätere Fernsehstars wie Thomas Gottschalk und Günther Jauch waren einst Radio Personalitys. Was das Erfolgsrezept bei Podcasts ist, braucht auch das Radio der Zukunft wieder verstärkt: Baut neue Persönlichkeiten auf und bindet sie an Eure Radiomarke!
2. Nutzt eure eingeführte Marke!
Radio ist oft als das emotionalste Medium beschrieben worden. Audio weckt Emotionen, natürlich auch die Musik zwischen den Moderationen. Mit seinem Radiosender verbindet jeder etwas; er hat einen jahre- oder jahrzehntelang begleitet. Daher geht sorgsam mit der eingeführten Marke um, also sprich dem Sendernamen! Nutzt die Chance, dass Hörerinnen und Hörer (oft in ihrer Jugend) eine Bindung zu ihr aufgebaut haben. In manch anderen Branchen (zum Beispiel bei Sportartikelherstellern) ist die Brand das Wichtigste und Wertvollste, was ein Unternehmen besitzt.
3. Setzt KI nur dort ein, wo es sinnvoll ist!
Ein reines KI-Radio ist nicht die Zukunft. Menschen wollen echte Menschen hören (siehe Punkt 1). Wenn sie nur Musik hören wollen würden, bräuchten sie kein lineares Radioprogramm mehr. Setzt Künstliche Intelligenz daher nur an den Stellen ein, wo es einen echten Mehrwert bietet oder Skalierung ermöglicht! Bei der Geisterfahrer-Meldung ist der Mehrwert (der Hörer wird 30 bis 60 Sekunden schneller gewarnt) sofort erkennbar. Beim Audioschnitt („Äh“ und „Ähm“ herausschneiden) geht es ohne Qualitätsverlust schneller; die gesparten Ressourcen lassen sich besser für Qualitätsjournalismus nutzen. Eine Regionalisierung einer Welle (wie bei Radio Galaxy mit mehreren regionalen Wellen) durch KI-generiertes Wetter wäre auch verkraftbar. Als Unterstützung bei der Recherche und Verifikation von Inhalten hilft KI auch. Aber nicht überall. Daher startet mit einem Visions-Workshop, statt wüst irgendwelche KI-Tools auszuprobieren und einzusetzen!
4. Spielt die Karte mit lokaler Nähe aus!
„Vor Ort“ – so hatten die Macher von Radio F aus Nürnberg ihre stündlichen Lokalnachrichten getauft. Der Name ist genau das, was Radio in Zukunft wieder verstärkt ausmachen wird: die lokale Nähe. Erzählt, was vor Ort passiert! Zeigt euch als Sender auf dem Marktplatz! Baut wieder öfter ein „gläsernes Studio“ im Einkaufszentrum auf (was heute auch technisch viel einfacher als früher geht)! Diese lokale Nähe können Spotify und die meisten Podcasts nicht bieten.
5. Seid nicht aalglatt!
Fehler sind menschlich. Fehler machen auch das Radio menschlich – und authentisch. Witzige Versprecher und Verhaspler findet man nicht nur gesammelt auf Radiopannen.de (https://radiopannen.de/), sondern sie sorgen auch für Gesprächsstoff, einen Lacher und bleiben im Gedächtnis. Wenn alles aalglatt durchmoderiert wird, bleibt dem Hörer am Ende nur wenig in Erinnerung. Und: Pannen sind oft Sternstunden des Radios, denn gerade dann, wenn etwas schiefgeht, zeigt ein guter Moderator, was er drauf hat.
6. Radio als soziales Netzwerk
Vor StudiVZ, Facebook und Twitter war vor allem das Radio ein soziales Netzwerk: mit Live-Telefon-Einspielern von Hörerinnen und Hörern. Solch einen Rückkanal konnten weder die Tageszeitung (durch Tage später abgedruckte Leserbriefe) noch das Fernsehen (etwa durch den TED bei „Wetten, dass…?“) in dieser Form bieten. Heute sind (fast) alle Hörer-Einspielungen aufgezeichnet. Near-to-live, wie es im Fachjargon heißt. Grund ist die Angst, ein Hörer könne politische Botschaften setzen oder anderweitig den Flow des Programms stören. Spontanität durch Live-Schalten könnte Radio wieder zu einem authentischeren sozialen Netzwerk als Instagram, LinkedIn und TikTok machen.
7. Seid die Schnellsten!
Wenn im Ort die Sirenen heulen, Feuerwehr, Krankenwägen und Notarzt zum Großeinsatz eilen, der Hubschrauber über der Autobahn kreist, wenn plötzlich im ganzen Stadtviertel der Strom ausfällt oder über dem Nachbarort eine dunkle Rauchwolke aufsteigt: Die Menschen schalten zuerst ihren Lokalsender ein, um herauszufinden, was los ist. Das ist eure Chance, das Vertrauen einzulösen, das die Hörerinnen und Hörer in euch als schnellstes und lokalstes Medium setzen. Wenn genau dann aber die vorproduzierte Sendung oder Musik nonstop läuft, ist das Vertrauen verloren und der Schaden groß. Dabei war es noch nie so einfach, sich von überall per Smartphone, Tablet oder Laptop in Sekundenschnelle live ins Programm einzuschalten – und klarzumachen: Bei uns erfahrt ihr, was passiert ist, und wie ihr euch bei drohender Gefahr verhalten sollt, etwa bei einem Chemieunfall oder Großbrand. Legt Regeln fest, etwa über Bereitschaftsdienste, wer in Notfällen ohne Nachfrage on air gehen kann, selbst, wenn man bei unklarer Lage zunächst die Botschaft hat: Bleibt dran, wir sind dran. Wer nichts macht, verliert alles.
8. Gebt Moderatoren Freiheiten!
Traut euren Moderatoren zu, dass sie mehr können als die Standard-Breaks. Fast jeder Profi am Mikrofon hat einst im Kinderzimmer mit Plattenspielern und Kassettenrekordern angefangen, Radio zu „spielen“, war beim Schülerradio, Krankenhausfunk oder gar bei einem Piratensender dabei. Genau diese Leidenschaft und dieses Herzblut von damals stecken noch immer in jedem Moderator, der seinen Traum wahr werden ließ. Gebt euren Moderatoren die Freiheit, sie selbst und spontan zu sein, so wie sie es damals waren. Wer eine großartige, vielleicht sogar persönliche Geschichte zu einem Song, einer Band oder einem Konzert erzählen kann, die gerade gut ins Programm passen würde, muss auch die Playlist ändern dürfen, ohne dafür eine Abmahnung zu kassieren. Die Königsdisziplin sind nicht Moderatoren, die reden, sondern Moderatoren, über die man redet.
9. Keine Angst vor neuen Songs!
Die meisten Formatradios haben bei der musikalischen Spannbreite nur eine vergleichsweise kleine Rotation, meist mit früheren oder aktuellen, allseits bekannten Hits. Man will das Publikum nicht mit neuen oder unbekannten Songs überfordern. Warum eigentlich? In den 1990er Jahren hatten viele US-Radiostationen den Claim „We don’t play the hits. We make them!“. Man war stolz darauf, von den Hörerinnen und Hörern als Autorität wahrgenommen zu werden, bei der kompetente und erfahrene Musikredakteure die Perlen aus der Fülle der jeden Tag neu erscheinenden Songs herausfischen und on air bringen – am besten noch vor der Konkurrenz. Auch in Deutschland lieferten sich Sender früher ein Wettrennen, wer zuerst die neue Scheibe der angesagtesten Künstler aus den USA oder Großbritannien spielte – noch bevor sie hierzulande offiziell erschien. Traut euch, neue Songs zu spielen! Dass sie noch unbekannt sind, zahlt auf eure Marke ein: „Remember where you heard it first!”
10. Öffnet die musikalische Schatztruhe!
Ein kluger Kopf sagte einst: Wer abends Radio hört, schaut bewusst kein Fernsehen. Nutzt diese Chance, um euch mit einer Abendschiene zu profilieren, die sich bewusst vom Tagesprogramm abhebt. Liefert den Menschen einen Grund, bewusst einzuschalten, weil etwas läuft, das tagsüber nicht ins Programm passen würde. Ein Beispiel sind musikalische Spezialsendungen, etwa Metal, Country oder House – zwei, drei Stunden am Stück, moderiert von Kennern der Szene, lokalen Bandmitgliedern oder DJs aus Clubs der Region. Warum auch nicht mal am Freitag- oder Samstagabend live aus einer Diskothek senden? Das wäre die beste Werbung für das Lokal, das gleich auch als Sponsor agieren könnte. So ließen sich neue Zielgruppen gewinnen, die man anderweitig nur schwer (zurück) zum Radio bringt.
Dr. Jörn Krieger ist als Journalist und Moderator tätig. Prof. Markus Kaiser lehrt an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm und ist Mitherausgeber des Universalcode.

