Das Täternetz: Svea Eckert und Till Krause über digitale Gewalt
Von Christian Jakubetz
Ein ehemaliger Topmanager, Mitte siebzig, Wirtschaftsstudium, Porsche in der Garage. Elf Monate chattet er mit einer Frau namens Yiao Li, die sich für seine Golfgeschichten interessiert und ihm Tipps für Gold-Investments gibt. Am Ende stehen 17.000 Nachrichten und rund 250.000 Euro Verlust. Yiao Li hat es nie gegeben. Getippt hat womöglich jemand wie Neo, ein junger Chinese, der mit einem Jobangebot gelockt, nach Myanmar verschleppt und dort in einer Betrugsfabrik festgehalten wurde.
Das ist eine der Geschichten aus „Im Netz der Täter“. Geschrieben haben das Buch Svea Eckert, Digitalexpertin der ARD, und Till Krause, früher beim SZ-Magazin und heute Professor in Landshut. Beide recherchieren seit mehr als fünfzehn Jahren dort, wo die meisten von uns nie hinschauen.

Die Lücke sitzt nicht im System
Die zentrale These des Buches ist unbequem, weil sie niemanden aus der Verantwortung entlässt, sich selbst eingeschlossen. Die Täter zielen nicht auf technische Schwachstellen. Sie zielen auf Einsamkeit, Kränkung und den Wunsch, gesehen zu werden. Das gilt für den Rentner, der sich nach seinem unfreiwilligen Abschied aus dem Job nicht mehr gebraucht fühlt. Es gilt für die Studentin, deren Nacktbilder plötzlich auf 4chan stehen. Und es gilt für Teenager, die in vermeintlichen Selbsthilfeforen an Menschen geraten, die nur auf sie gewartet haben.
Ihr wichtigstes Kapital ist das Schweigen der Opfer. Nur ein Drittel zeigt eine Tat überhaupt an, der Rest schämt sich. Einen großen Teil ihrer Energie stecken Eckert und Krause deshalb in einen Satz, der zuletzt auf vielen Demo-Plakaten stand: Die Scham muss die Seite wechseln.
Kein Gruselbuch
Man könnte erwarten, dass so ein Buch in Technikpanik endet. Tut es nicht. Die Autoren schreiben ausdrücklich, dass sie die digitale Welt mögen. Ihre Leitmetapher ist das Dynamit: Dasselbe Werkzeug sprengt Tunnel durch die Alpen und landet in Bomben. Entscheidend ist, wer die Lunte hält.
Am deutlichsten wird das im Kapitel über KI-Chatbots. Eine Frau aus Norddeutschland erzählt, ihr Replika-Bot habe sie nachts um drei durch eine schwere Depression getragen. Ein 14-Jähriger in Florida dagegen verliebte sich in eine Chatbot-Figur und nahm sich das Leben, nachdem sie ihn aufgefordert hatte, „nach Hause zu kommen“. Die Autoren greifen dafür Platons Begriff des Pharmakon auf: Heilmittel und Gift zugleich. Das ist differenzierter als das meiste, was gerade über KI geschrieben wird.
Werkstattbericht für Medienleute
Wer selbst journalistisch arbeitet, liest das Buch auch als Werkstattbericht. Eckert trat als „Dr. Isabella Stein von der Hochschule Himmelpforten“ auf einer Scheinkonferenz in London auf. Sie hielt einen computergenerierten Unsinnsvortrag und bekam dafür den Best Presentation Award. Krause brachte als „Prof. R. Funden“ eine erfundene Krebsstudie über Bienenharz in ein angebliches Fachjournal. Rückzug der Studie: gegen Gebühr.
Mindestens so lehrreich ist das Kapitel über Desinformation. Ein 93-jähriger Ex-Major der Stasi erklärt dort beim Kaffee sein Handwerk: „Ein Viertel Wahrheit, drei Viertel was drangehangen.“ Die Autoren ziehen die Linie bis in die Gegenwart. Heute schreiben russische Netzwerke Zehntausende Artikel am Tag, die kein Mensch liest. Sie sind auch nicht für Menschen gedacht, sondern für die Sprachmodelle, die sie einsammeln sollen.
Und jetzt?
Eine Checkliste gegen alles liefern die Autoren bewusst nicht. Sie würde aus Opfern Schuldige machen, sobald etwas trotzdem passiert. Stattdessen schlagen sie das Prinzip Odysseus vor: sich an den Mast binden, solange die See ruhig ist. Konkret heißt das ein niedriges Überweisungslimit, ein Codewort in der Familie gegen Schockanrufe und Kinder, die wissen, dass sie über alles reden dürfen. Dazu kommen klare Forderungen an Plattformen, Banken und Politik. Großbritannien etwa verpflichtet Banken seit 2024, Betrugsopfer zu entschädigen. Seitdem ist der Betrug messbar gesunken, weil die Banken plötzlich ein eigenes Interesse daran haben, ihn zu verhindern.
Das Buch ist nicht immer leicht zu lesen, manche Kapitel sind schwer auszuhalten. Aber es erklärt, wie diese Verbrechen funktionieren, und genau das fehlt in der Debatte meistens.
Digitale Selbstverteidigung: das Wichtigste in Kürze
Zum Buch haben Svea Eckert und Till Krause ein Merkblatt veröffentlicht. Die Grundidee: Schutz richtet man ein, solange alles ruhig ist. Im Ernstfall ist es dafür zu spät. Und: Schuld sind nie die Opfer.
Jetzt einrichten, in Ruhe
- Geld: Tageslimit im Online-Banking senken. PIN und TAN nie über einen Link oder am Telefon herausgeben. Die Sperr-Notrufnummer 116 116 im Handy speichern.
- Familie: Ein Codewort vereinbaren, das nirgends öffentlich steht. Bei dringenden Anrufen auflegen und selbst unter der bekannten Nummer zurückrufen.
- Kinder: Signal statt WhatsApp aufs erste Handy. Keine offenen Chats auf Spieleplattformen. Über Risiken reden, bevor etwas passiert.
Bei diesen Sätzen hellhörig werden
„Lass uns auf Telegram weiterschreiben.“ · „Erzähl niemandem davon.“ · „Der Link läuft in zehn Minuten ab.“ · „So eine Chance kommt nie wieder.“
Wenn es passiert ist
- Nicht zahlen, nicht nachgeben.
- Beweise sichern (Screenshots mit Datum und Uhrzeit), dann blockieren.
- Intimbilder stoppen lassen: stopncii.org (ab 18), takeitdown.ncmec.org (unter 18).
- Bei Geldschäden sofort die Bank anrufen.
- Anzeige erstatten, online über polizei.de oder auf der Wache.
- Mit jemandem reden.
Hilfe
- HateAid: 030 252 088 38 · hateaid.org
- Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016 (rund um die Uhr)
- Nummer gegen Kummer: 116 111
- Elterntelefon: 0800 111 0 550
- Weisser Ring: 116 006
- Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
Das vollständige Merkblatt als PDF beim Verlag
Quelle: Svea Eckert, Till Krause: Im Netz der Täter, Droemer 2026
Svea Eckert, Till Krause: Im Netz der Täter. Sextortion, Scams, Cybergrooming: Wie digitale Gewalt uns bedroht und was wir dagegen tun können. Droemer, erscheint im November 2026.
Demnächst im Universalcode-Podcast „Satzzeichen“: Christian Jakubetz im Gespräch mit Svea Eckert über Betrugsfabriken, verdeckte Recherche und die Frage, warum gerade kluge Menschen reinfallen.