Der Unterschied zwischen Geist und Geblubber
Würden Sie auf Anhieb erkennen, ob dieser Newsletter mit KI geschrieben ist? Meine Prognose: Nein, würden Sie nicht. Was an sich auch gar nicht schlimm ist.

Von Christian Jakubetz
Im Laufe seines Berufslebens lernt jeder Journalist mal das folgende (oder er sollte es zumindest tun): Substanz von Geblubber zu unterscheiden.
Das ist fast täglich unser Job, ganz egal, ob wir von Politikern oder Social-Media-Knalltüten oder leider manchmal auch von Journalisten selbst sprechen. Die Tücke daran: Das ist nicht so ganz einfach. Weil sowohl Politiker als auch Journalisten und sogar die Knalltüten meistens geschliffene Sprache beherrschen und sich darunter gerne mal gähnende Substanzlosigkeit verstecken lässt.
Ich habe beispielsweise mal versucht, so ein Buch einer modernen Knalltüte zu lesen. Ich habe nach einem Drittel aufgegeben, weil ich nicht einen einzigen Satz von Substanz entdeckt habe. Aber immerhin hat sich das ganze Gefasel gut angehört. Muss man ja auch erst einmal hinbekommen; für einen kurzen Augenblick habe ich so etwas wie Respekt empfunden. Aus einem kompletten geistigen Vakuum ein ganzes Buch machen, ist ja auch schon wieder eine Kunst.
Womit wir beim Thema KI wären.
Jeder von uns, der schon mal so eine Maschine einen Text hat entwerfen lassen (also: de facto jeder), weiß, wie großartig eine KI sich besinnungslos schwätzen kann. Im BR und in der FAZ hatten sie unlängst mal die Geschichte einer Autorin, die etliche Reiseführer bei Amazon veröffentlicht hat. Einem aus dem Allgäu wollten die BR-Kollegen mal folgen, nachdem sie über ein paar Ungereimtheiten gestolpert waren.
Und siehe da: Der Reiseführer hatte etliches als empfehlenswert geschildert, was überhaupt nicht existiert – das dafür aber wortreich, wohlklingend und durchaus auch glaubhaft. Warum also sind Menschen potenziell geneigt, einer KI noch so großen Unsinn abzunehmen?
Dafür gibt es vermutlich viele Gründe, aber einer davon lautet ganz sicher: Weil wir geschliffene Sprache gerne mit Intelligenz verwechseln. Weil wir Wortgeklingel nicht sofort als das durchschauen, was es ist. Und weil KI reproduziert, womit sie trainiert worden ist. Am Ende schafft sie es, in wenigen Sekunden Texte auszuwerfen, die sich so anhören, als wären sie menschengemacht.
Das ist vermutlich auch das, was vielen Menschen in unserer Branche Angst macht: Wenn sich eine KI so anhört wie wir, wer braucht dann uns noch? Wenn eine Maschine nur Sekunden für einen passablen Text braucht, an dem wir womöglich mehrere Stunden sitzen, welche Argumente haben wir dann noch?
Eines davon könnte lauten: Hirn, das eigene.
Was dagegen weder ein Argument noch eine gute Idee ist: kategorisch den Gebrauch jeglicher generativer KI verbieten, wie es die Kollegen des „Spiegel“ jetzt gemacht haben. Der Grund ist simpel: Ich habe im „Spiegel“ und anderswo ausreichend Texte gelesen, die ich lieber nie gelesen hätte und bei denen definitiv keine KI im Spiel war. Ist es also ein Argument für einen schlechten Text, dass er garantiert ohne KI erstellt worden ist? Und stört es, wenn ich eine brillante Geschichte lese, von der ich weiß, dass beim Verfassen die KI unterstützend tätig gewesen ist?
Offen gestanden: Das Buch der Social-Media-Knalltüte hätte ein paar strenge Hinweise und Ergänzungen einer KI prima gebrauchen können, auch wenn man jetzt einwenden könnte, dass das ja ohnehin der Job eines Lektors gewesen wäre. Aber klar, natürlich hätte man die KI dementsprechend prompten müssen, sonst hätte sie wieder eine Jubelarie losgeslassen. Trotzdem: Substanzlosigkeit lässt sich auch durch KI nicht verdecken, höchstens leicht übertünchen.
Das liegt in der Natur der Sache: Die KI wird dir nie sagen: Hey, pass auf, das ist aber ziemlich blutleer, was du da schreibst. Viel eher schreibt sie: Das ist ein fantastischer Gedanke! Hier kommt die Fortsetzung deines Textes! Am Ende steht dann da so etwas wie der Reiseführer über das Allgäu, bei dem sich Leser irgendwann mal in the middle of nowhere wiederfinden. Das ist, wie es hier an dieser Stelle schon einmal stand, nur dann relevant, wenn man etwas produziert, wofür man tatsächlich eigene Gedanken braucht. Für nackte Zusammenfassungen von Informationen ist die Maschine inzwischen wirklich besser geeignet.
Also, demnach ist das Gegenteil richtig: Die Lösung liegt nicht darin, KI kategorisch zu verbieten. Stattdessen wäre es eine gute Idee, den Umgang mit KI systematisch und intensiv zu lernen, weil sie unser wichtigstes Werkzeug ist.
Dazu gehört auch das Wissen, dass KI manchmal ziemlichen Murks abliefert. Und die Fähigkeit einzuordnen, was KI kann und wo man besser die Finger von ihr lässt. Und wenn Sie dann noch in der Lage sind, sie mit eigenen Ideen und Gedanken zu füttern:
Herzlichen Glückwunsch!