Die 5 wichtigsten Trends für 2026
Das Schöne an Prognosen ist ja: Man weiß nie, ob sie stimmen. Trotzdem ist es ein ziemlicher Spaß, sie zu stellen. Weil man ja weiß, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder, sie bewahrheitet sich. Oder man liegt derart daneben, dass es beinahe schon wieder amüsant ist. Wie auch immer, hier kommen sie, die ultimativen Prognosen für 2026. Von Christian Jakubetz
Das AI-Gap wird größer und entscheidender (für alle Medien)
Bis vor zwei Jahren waren beim Thema KI fast alle gleich. Man stand staunend vor diesem neuen Phänomen, spielte hauptsächlich mit ein paar AI-Anwendungen rum und begann stockend zu begreifen: Ups, das könnte ein echter Gamechanger sein.
2026 trennt sich die Spreu vom Weizen. Weil KI natürlich schon lange sehr viel mehr ist als ein bisschen Prompten bei ChatGPT. KI ist zur Groß-Technologie geworden, die uns Medienmenschen auf Schritt und Tritt begleitet. Hinter alledem liegt ein Prinzip: KI reißt potenziell alle Mediengrenzen nieder. Man kann plötzlich mit Audio und Video genauso hantieren wie mit Texten.
Wer sich ein wenig mit dem ganzen Kram auskennt, hat plötzlich das mächtigste Werkzeug in der Hand, das man sich vorstellen kann. Ein Produktionsstudio, ein Kreativitäts-Booster, ein Lektor und Korrektor und ein Assistent für lästige Routineaufgaben in einem. Ich staune ja angesichts dieser Möglichkeiten immer noch darüber, wie wenige Menschen dieses gigantische Potenzial erkannt haben und welch lahme Debatten darüber geführt werden.
Angesichts dessen wird 2026 zur Crunch-Time. Das Gap wird größer. Das wird keine Lücke mehr, sondern eine tiefe Kluft. Zwischen denen, die mit dem ganzen KI-Zeug umgehen können wie selbstverständlich. Die wissen, dass das Thema KI nicht gleichbedeutend mit LLM ist. Die sich einen funktionierenden Workflow und eine entsprechende Infrastruktur aufgebaut haben. Und denen, die gelegentlich ChatGPR verwenden, insgeheim um ihren Job fürchten und die ansonsten gerne so argumentieren, dass KI eh überschätzt ist.
Woher ich das weiß und was mich bei einer Prognose so sicher macht? Weil es beim Thema Internet vor ziemlich genau 30 Jahren genauso war. Die Generation GPT macht sich in den nächsten Jahren obsolet. Die anderen lernen, dass man die Maschine beherrschen muss, um sich nicht von ihr beherrschen zu lassen.
Social Media stürzt ab, LinkedIn nervt noch mehr
Erst einmal eine Beobachtung, die ich an mir selbst mache: 2025 habe ich so wenig Social Media wie noch nie genutzt. Weder aktiv noch passiv. Wenn ich die Begründung auf einen Satz zusammenfassen müsste: Der Nerv-Faktor ist mittlerweile zu groß.
Wo ich hinschaue, lauter Entwicklungen, die mir nicht gefallen (und ich vermute, vielen anderen auch nicht). Facebook: inzwischen überflutet von AI-Slops. Von so viel Unsinn, dass es keinen Spaß mehr macht, den ganzen Quark zu filtern, zu blockieren oder auch einfach nur zu ignorieren. Klar gibt es mich dort noch, aber zunehmend weniger. Und vor allem: eher pflichtschuldig als wirklich interessiert. Ich sehe zunehmend weniger Nutzen. Und das Argument, dass man durch Facebook et al so viel erfährt, was man sonst nicht wissen würde? Hat sich bei mir schon lange durch sorgfältig kuratierte Newsletter-Abos erledigt. Und natürlich durch Podcasts.
X, Threads? Im schlechteren Fall eine Güllegrube. Im besseren Fall ein Stellungskrieg in Meinungs-Schützengräben. Erkenntnisgewinne? Zunehmend weniger. Wenn ich von vornherein weiß, was die meisten der Accounts wohl schreiben werden, warum sollte ich das noch lesen? Die meisten der sogenannten Debatten dort sind nur noch ermüdend. Und auch hier haben KI-Schwemmen und Troll-Bots erheblich Anteil am Rumgenerve.
LinkedIn? Himmel, ich mochte schon in der Schule Konformität nicht so sehr. Und jetzt entdecke ich neben dem ganzen weichgespülten Geschwafel immer öfter auch das Phänomen, dass KI-Kommentare und KI-generierte Beiträge antworten, und spätestens da wird es dann absurd mit so Begriffen wie „Kommunikation“ und „Social“. Jaja, ich weiß, das ist alles ganz wichtig. Go ahead, aber: Count me out. Zumindest bei allem, was mehr ist als die absolute Pflicht.
Und TikTok, Insta? Algorithmengetriebene Content-Maschinen, die mit dem eigentlichen Gedanken von Social Media nicht mehr viel zu tun haben. Auch hier gilt: Kann man alles machen und man erwischt damit auch immer noch viel Publikum. Aber hey, mit der „Bild“ erwischt ihr auch viel Publikum, falls das jetzt euer Argument sein sollte.
Prognose also: Das KI‑generierte Zeug wird 2026 nicht nur mich, sondern zunehmend mehr Menschen nerven. Social Media wird 2026 natürlich nicht tot sein. Aber seinen Peak hat es hinter sich.
Googlen ist tot, es lebe Google
Googeln – das ist so 2021. Das Überthema KI sorgt auch dafür, dass wir anders suchen. Oder besser gesagt: gar nicht mehr suchen. Sondern stattdessen: Fragen stellen und Antworten erwarten. Die Freunde von Perplexity haben das als erste erkannt und deswegen konsequenterweise eine „Antwortmaschine“ gebaut. Aber auch klassische LLM wie ChatGPT werden zunehmend so genutzt. Da kann man noch so oft mantraartig wiederholen, dass ChatGPT keine Suchmaschine ist. Die Kraft des Faktischen ist größer.
Das ist alles leicht erklärbar. Menschen wollten im Netz ja nie wirklich suchen. Sie wollten schon immer klare Antworten auf klare Fragen (ob das sinnvoll und überhaupt erfüllbar ist, ist eine andere Sache). Das haben sie auch bei Google erkannt, weswegen der KI-Mode zunehmend an Bedeutung gewinnt und die klassischen Links umgekehrt verlieren.
Ich wäre noch zurückhaltend mit Prognosen, wie sich das auf Medien und Kommunikation genau auswirken wird. Aber 2026 wird das Jahr, in dem Google das Googeln endgültig killt und sich selbst zum Nachfolger des Googelns macht.
Zeitungen stürzen final ab
Der Chefredakteur der Main-Post in Würzburg hatte in diesen Tagen eine löbliche Idee: Er erklärte auf einer ganzen Zeitungsseite, warum der Journalismus im Allgemeinen und die Main-Post im Speziellen teurer werden. Ich habe den guten Mann um seinen Job nicht beneidet. Preiserhöhungen sind ohnehin nie schön zu erklären. In diesem Fall war es hoffnungslos: Das Jahresabo der (gedruckten) Main-Post kostet künftig über 700 Euro. Da wird es schwierig mit dem Rechtfertigungen, weil das ein Preis fernab aller Erklärungsmöglichkeiten ist. 60 Euro im Monat: Das ist so viel Geld wie für DAZN und Netflix zusammen. Oder so viel, dass man sich Spotify, Netflix und SkySport dafür kaufen könnte.
Noch eine Gegenrechnung: Abonniere ein paar Social Media -Accounts aus Würzburg und Umgebung, hör dir ein paar Podcasts an, lies Newsletter und ein paar gute Webseiten (Tagesschau, ZDF, n-tv, BR etc.) und du bist ziemlich gut informiert, for free übrigens. Der Bedeutungsverlust von Regionalzeitungen ist also dramatisch, das alles gekoppelt mit solchen Preisen - das wird nicht gut gehen.
Dazu kommt: Wer solche Preise aufruft, aufrufen muss, der muss ein absolutes Premiumprodukt abliefern. Da fallen mir aktuell nicht allzu viele ein, auf die das zutreffen würde. Im Gegenteil, durch ein paar Zufälle habe ich dieses Jahr wieder vermehrt Kontakt mit Regionalzeitungen gehabt. Es war wie eine ungewollte Zeitreise, ein wenig nostalgisch zudem. Auf den Fluren habe ich das Odéur der 80er und 90er-Jahre geatmet.
Ja, ich weiß: Das ist alles furchtbar unfair, in vielen Redaktionen sitzen ordentliche, gestandene Journalisten und es gibt nach wie vor auch echte Innovatoren (allerdings gerade so viele, dass auf den entsprechenden Panels meistens die gleichen Namen auftauchen). Und nein, ich habe auch keine Ahnung, wie man aus dem Schlamassel wieder herauskommt; vielleicht ist es dafür auch schlichtweg zu spät.
Trotzdem: Preise über der Schmerzgrenze, immer weiter sinkende Relevanz und Reichweite, ein Generationenabriss – der Absturz der (gedruckten) Zeitung geht 2026 in seine finale Phase.
Trotzdem kommen physische Dinge zurück
Erinnern Sie sich noch an die Grabreden? Das gedruckte Buch: bald tot. Die Schallplatte: ein Relikt für Ewiggestrige. Die CD: Elektroschrott. Die schöne neue Welt sollte rein digital, flüchtig und in der Cloud sein.
Doch wenn wir uns die Zahlen des Jahres 2023 und 2024 ansehen, müssen wir feststellen: Die Propheten haben sich geirrt. Wir erleben keinen nostalgischen Spleen, sondern eine handfeste Marktkorrektur. Eine Sehnsucht nach Haptik in einer Welt der digitalen Flüchtigkeit. Man könnte es „Digital Fatigue“ nennen – oder einfach die Rückkehr des Wertes.
Blicken wir auf den Musikmarkt. Lange Zeit galt Streaming als der einzige Wachstumstreiber. Doch im Hintergrund hat sich die Schallplatte vom Liebhaber-Objekt zurück zum Umsatzgaranten entwickelt. Die Zahlen des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI) für 2023 sprechen eine deutliche Sprache: Der Umsatz mit Vinyl wuchs in Deutschland um satte 14,1 Prozent. Mit rund 6,3 Prozent Marktanteil mag das nach Nische klingen, aber im physischen Segment ist das schwarze Gold wieder eine Macht.
In den USA ist der Trend noch dramatischer: Laut RIAA wurden dort 2023 erstmals seit 1987 wieder mehr Vinyl-Schallplatten als CDs verkauft (43 Millionen Einheiten). Vinyl ist kein Flohmarkt-Phänomen mehr, es ist ein Premium-Produkt für Fans, die Musik besitzen und nicht nur mieten wollen.
Noch deutlicher ist es beim Buch. Das E-Book hat den Markt nicht gefressen, es hat sich lediglich bei einem stabilen, aber überschaubaren Marktanteil eingependelt (in Deutschland ca. 6 %). Der gedruckte Buchmarkt hingegen zeigt eine erstaunliche Resilienz. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels meldete für 2023 sogar ein leichtes Umsatzplus im Gesamtmarkt. Besonders spannend: Das Phänomen "BookTok". Eine rein digitale Plattform (TikTok) treibt junge Menschen (Gen Z) massenhaft in physische Buchläden. Sie wollen das Buch halten, es ins Regal stellen, es als Identitätsmarker nutzen. Das Digitale fungiert hier als Marketing-Kanal für das Analoge.
Warum passiert das? Es ist der "Backlash" zur ständigen Verfügbarkeit. In einer Welt, in der wir alles streamen können, wird der Besitz zum Luxus. Ein Spotify-Song ist Datenrauschen; eine Platte ist ein Ritual. Ein Kindle ist praktisch; ein Hardcover ist ein Möbelstück. Wir sehen hier keine Technikfeindlichkeit, sondern eine Hybridisierung. Wir nutzen Digitales für die bequeme Masse (die Playlist für die U-Bahn) und Analoges für die bewusste Identität (die Platte für den Sonntagabend).
Medienmacher sollten daraus lernen: Das Digitale ist für die Reichweite. Aber das Physische? Das ist für die Bindung. Und für die Marge.