Die neue Algo-Sklaverei
Wir müssen uns von einer Illusion verabschieden: dem Mythos vom freien, offenen Internet. Die Infrastruktur, auf die wir uns tagtäglich verlassen, ist nicht nur gefährdet, sie rutscht uns weg.

Von Christian Jakubetz
Ich war lange Zeit ein glühender Anhänger der absoluten Freiheit im Netz. Und ich habe einen sehr, sehr, sehr weitgefassten Begriff von Toleranz und Meinungsfreiheit. Von mir aus kann jeder glauben und sagen, was er will, sogar großen Unsinn (mit den Grenzen von Beleidigung und menschenfeindlichen Ideologien versteht sich).
Man muss Politiker und Journalisten und Newsletter-Autoren ungestraft „Schwachkopf“ nennen dürfen und man darf natürlich Parteien am linken und rechten Rand wählen. Immerhin tut das inzwischen ein Drittel der Deutschen, dazu später noch etwas mehr. Tendenziell dachte ich also immer, dieses freie anarchische Netz sei grundsätzlich etwas sehr Gutes.
Frei und anarchisch, das war allerdings mal.
Das Netz, das einst für den freien Austausch von Ideen konzipiert wurde, ist zum Tummelplatz weniger Konzerne geworden. Diese Zentralisierung ebnet den Weg für Überwachung und kommerzielle Ausbeutung unserer Daten. Das eigentliche Problem ist aber die Folge dieser Architektur: die Art und Weise, wie Inhalte auf uns einprasseln.
Die Bertelsmann-Stiftung hat in der vergangenen Woche die Ergebnisse einer Studie präsentiert. Kurz und überspitzt zusammengefasst: Die Parteien der Mitte können so viel posten, wie sie wollen, ihre Reichweite bleibt überschaubar. Bei Parteien am rechten und linken Rand reicht verhältnismäßig wenig Aufwand und Content für maximalen Ertrag. Es ist also Unsinn zu glauben, die AfD sei deshalb im Netz relativ erfolgreich, weil sie so viel postet. Sie ist erfolgreich, weil sie vom Algorithmus belohnt wird.
Das Netz im Jahr 2025 ist also eher so zu verstehen:
Wir erleben eine radikale Verschiebung. Aufmerksamkeit ist die härteste Währung. Und die Algorithmen der großen Plattformen sind so programmiert, dass sie uns nicht das Wichtigste zeigen, sondern das Aufmerksamkeitsstärkste.
- Dieser Mechanismus ist nicht neutral. Er belohnt Vereinfachung, Zuspitzung und Spektakel.
- Die Plattform möchte Reibung, weil Reibung Klicks und Verweildauer bedeutet.
- Die Plattform liefert uns also nicht das differenzierteste Argument, sondern den lautesten Schreihals.
Die Plattform zerstört damit unsere Diskussionskultur, weil der permanente, algorithmische Wettbewerb nur jene prämiert, die keine Kompromisse, sondern maximalen Koller produzieren.
Perfekte Bedingungen also für die Weidels und Reichinneks dieser Welt, nicht wahr?
Was wir erleben, ist eine algorithmische Alltagsradikalisierung. Wer sich diesen Mechanismen unterwirft, um Reichweite zu erzielen – selbst im Aktivismus oder Journalismus –, läuft Gefahr, die eigene Sache zu verraten und nur noch auf der algorithmischen Bühne zu performen.
Glauben Sie nicht? Bei der letzten Bundestagswahl haben die jungen Wähler bevorzugt weit links oder weit rechts gewählt, die Mitte, wo auch immer sie sein möge, kommt kaum mehr vor.
Selbst bei LinkedIn herrscht die Algo-Sklaverei
Man muss nicht mal bis in die große Politik gehen, um zu sehen, welche Konsequenzen Algorithmen haben. Selbst auf einer harmlosen Plattform wie LinkedIn ist das Alltag: Wer, sagen wir, ein Foto von sich selbst postet, Rolex am Arm und Sonnenbrille am gegelten Haupt, und dann erzählt, warum er erfolgreich ist und alle anderen Versager bleiben werden, postet zwar völligen Blödsinn. Er kann aber mit weitaus mehr Reichweite rechnen als jeder noch so fundierte Beitrag (man nennt das so verharmlosend und trotzdem treffend Ragebaiting).
Gezeigt wird, was empört und vermeintlich kontrovers ist. Es ist, nebenbei bemerkt, am Beispiel LinkedIn immer wieder verblüffend, wie sehr sich auch halbwegs vernunftbegabte Menschen zum Deppen machen, um dem Algorithmus zu gefallen.
Die Folge: Die digitale Öffentlichkeit wird verzerrt. Es sind nicht die Nutzer, die sich radikalisieren, sondern der digitale Raum selbst ist so gebaut, dass er die Extreme in den Fokus rückt (und manchmal auch nur herzerweichenden Unsinn, siehe Ragebaiting).
Das Netz ist in seiner jetzigen Form nicht mehr der demokratische Freiraum, für den wir es gehalten haben. Es ist ein kontrolliertes, algorithmisch manipuliertes Ökosystem, das die besten Eigenschaften der menschlichen Debatte systematisch untergräbt.
Und sogar LinkedIn ist nicht mehr die Job-Plattform, sondern ein manchmal schwer auszuhaltender Wettlauf um Aufmerksamkeit. Harmlos im Vergleich zur großen Politik, klar. Aber eben auch bezeichnend: Menschen fotografieren sich in albernen Posen, um mehr Reichweite zu bekommen (und sprechen dann im gleichen Atemzug von Authentizität, aber das ist noch mal eine ganz andere Baustelle).
Und ja, man könnte etwas tun (ob das so eintreffen wird, bezweifle ich allerdings selbst):
Die Einsicht in die Architektur der Algorithmen ist der erste Schritt zur digitalen Selbstverteidigung. Wenn wir wissen, was belohnt wird, können wir das System umgehen. Wir sind den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie nicht hilflos ausgeliefert.
Es geht jetzt darum, zu gestalten, statt passiv zu konsumieren:
- Differenzierung als Widerstand: Wir müssen die Teilnahme an der algorithmisch provozierten „Kollkommunikation“ verweigern. Das bedeutet, bewusst auf jene Beiträge nicht zu reagieren, die nur auf Zuspitzung abzielen.
- Rückeroberung der Themen: Wir müssen als Produzenten von Inhalten (und dazu zählt jeder in seinem Feed) lernen, die Komplexität unserer Themen zu verteidigen, statt sie auf das Klick-Format herunterzubrechen.
- Forderung nach Transparenz: Die Debatte muss sich darauf konzentrieren, die Algorithmen zu entziffern und zu demokratisieren. Nur wenn wir wissen, welche Faktoren über Sichtbarkeit entscheiden, können wir eine Öffentlichkeit zurückgewinnen, die fair, transparent und resilient ist.
Lesen Sie also wieder mehr Newsletter, ein gutes Buch, hören Sie Podcasts, machen Sie das, was Sie gerne wollen – nur Ihr Hirn weiter von Maschinen manipulieren zu lassen, das sollten Sie besser nicht tun.