Die Webseite der Zukunft: GAIO ist nicht alles
Ist die Webseite tot, weil ohnehin nur noch die Sichtbarkeit bei KI zählt? Keineswegs. Die klassische Seite hat Zukunft. Aber nur, wenn man dabei ein paar Dinge berücksichtigt, findet Markus Kaiser.

Von Markus Kaiser
„GEO ist nicht genug. Prüfe deinen GAIO Score“, „GAIO vs. GEO: Optimierung im Zeitalter der KI“ und „So steigern Sie Ihre AI-Sichtbarkeit“ sind nur eine kleine Auswahl an Treffern auf Google, mit denen Agenturen darum werben, seine Inhalte KI-optimiert zu gestalten. Sie schüren damit Hysterie und versetzen Marketeers und Unternehmenskommunikateure in helle Aufregung, weil ja an allen Orten suggeriert wird: Die klassische App ist tot, die Website sowieso. Sichtbarkeit gibt’s nur noch bei Perplexity, Googles AI Overviews und ChatGPT.
Dies ist aber nur die halbe Wahrheit. Natürlich ist es wichtig, dass Unternehmen Generative AI Optimization (GAIO) und Generative Engine Optimization (GEO) ernst nehmen. Schließlich wollen sie die Ergebnisse beeinflussen, wenn jemand sich von ChatGPT einen Ratschlag holt, bei welcher Autoversicherung man am besten aufgehoben ist, was das schönste Wellness-Hotel ist, welches Elektroauto die beste Reichweite verspricht oder wo man am Abend das beste italienische Restaurant in seiner Stadt findet.
Die Geschichte wiederholt sich
Die zweite Seite der Medaille ist, dass Unternehmen sich massiv Gedanken machen müssen, wie ihre Website und App in Zukunft aussehen werden. Schließlich lehrt uns die Geschichte des Internets seit den 1990er Jahren, dass die Website schon öfter totgesagt worden ist und jeweils ein potenter Player das gesamte World Wide Web für sich reklamiert hatte. Erst waren es die Internetanbieter t-online und AOL, die über ihre Browser so gut wie alle damals möglichen Bereiche selbst abgedeckt hatten. Später wollte Mark Zuckerberg Facebook durch Instant Articles zu einer personalisierten Zeitung und damit alle anderen Medienangebote für überflüssig machen.
Die User und die Website-Betreiber haben sich ihr Internet aber immer wieder zurückgeholt. Warum sollte dies im KI-Zeitalter anders sein? Dies setzt aber natürlich voraus, dass sich die Website und App massiv wandeln werden. Die bloße Information erhalten User bei Google, ChatGPT & Co.: aggregiert von mehreren Quellen, schön gebündelt zusammengefasst und künftig vermutlich auch mit immer weniger Halluzinationen.
Die Website muss mehr Spaß machen

Was bleibt also der klassischen Website? Sie muss Spaß machen, also eine ganz neue Form der User Experience schaffen. Sie benötigt – so widersprüchlich dies auf den ersten Blick wirkt – exklusive Inhalte: Fakten und Nachrichten sind nichts mehr Wert; Videos mit Originalaufnahmen, den Sprachmodellen nicht zum Training zur Verfügung gestellte Datensätze und Archivschätze sowie Autorenstücke wie Reportagen und Porträts dagegen schon. Hinzu kommt, dass die eigene Marke so aufgeladen sein muss, dass man lieber dorthin geht als zu KI-Intermediären.
Beide, also die eigene Website und Large Language Models, werden verstärkt auf automatisierte Dialoge setzen, statt Inhalte nur zu präsentieren. Und auch die Personalisierung muss und wird zunehmen.
Es wird ein langwieriger und harter Weg zum Internet der Zukunft, bei dem auch XR und das Metaverse mitgedacht werden müssen. Für Verlage wird er überlebenswichtig, für andere Unternehmen der entscheidende Kontaktpunkt für Kundenbindung. Es wird aber auch eine spannende und kreative Reise für die Medienbranche, auf deren Weg wir uns alle möglichst zügig begeben sollten.
Der Autor ist Professor für digitalen Journalismus, Medieninnovationen und Change Management an der Technischen Hochschule Nürnberg, Berater für Kommunikation, Transformation und Leadership sowie Mitherausgeber des „Universalcode“.