German Angststillstand
Der große Bernd Stromberg ließ sich irgendwann zu dem Satz hinreißen: „Das ist typisch deutsch! “. Das ist, wie alle Satiren, natürlich etwas überspitzt und hat doch einen wahren Kern. Wir übersetzen den Stromberg ins KI-Zeitalter.
Was für eine wilde Woche! Okay, das könnte jetzt auch jeder Politik-Redakteur schreiben. Aber es geht hier ja weniger um Politik, als um Medien. Und damit zwangsläufig immer wieder mal: um KI.
Was vorgefallen ist, sieht auf den ersten Blick nicht zwingend nach einem Thema für diesen Newsletter aus, hat aber dann doch einiges damit zu tun. Während der Woche blickt nämlich gefühlt halb Deutschland zum einen in der klassisch deutschen Mischung aus gebannt und verängstigt in die USA, wo am Mittwochabend die neuen Zahlen von Nvidia bekannt gegeben wurden.
Und was konnte man da nicht alles im Vorfeld lesen. Zusammengefasst war da meistens von einem baldigen Zusammenbruch von allem die Rede, weil: KI-Bubble und so, Sie wissen schon. Zusammengebrochen ist dann aber nichts. Im Gegenteil: Nvidia legte einigermaßen gute Zahlen vor. Besser als erwartet jedenfalls.
Das Zweite (gut, das hat jetzt außer mir niemand wirklich mitbekommen): Das KI-Zeug hat mal wieder einen enormen Schub gemacht.
Bevor Sie mich falsch verstehen: Ich sehe natürlich alle Grenzen und Einschränkungen und sogar die Risiken, die der Einsatz von KI mit sich bringt. In meinem Alter ist man ja nicht mehr komplett naiv oder sollte es zumindest nicht mehr sein.Hier kostenlos anmelden!
Trotzdem habe ich bei den Dingern, mit denen ich so arbeite, innerhalb weniger Tage Dinge gesehen, die ich vorher nicht für möglich gehalten habe.
- Googles Gemini 3 ist ein echter Quantensprung, vor allem was die Darstellung von Texten in Grafiken angeht. Das war vorher meistens ungewollt lustig. Jetzt lassen sich etwa Infografiken sehr passabel mit Gemini 3 bauen. Und auch VEO, dieses Video-Ding, sieht zunehmend besser aus und kann bei kurzen Sequenzen oder bei der Erstellung von B-Rolls, a.k.a. Schnittbildern, zur echten Alternative werden.
- Mein Lieblingstool lässt sich jetzt nicht nur für Remote-Aufnahmen einsetzen, sondern auch als Aufzeichnungs-Tool, wenn mehrere Personen in einem Raum sitzen. Außerdem kann Riverside jetzt auch Dubbing (lippensynchrones und stimmenimitierendes Übersetzen von Videos und Audios).
- ElevenLabs macht inzwischen ebenfalls richtig gutes Dubbing.
- Wenn es um Design und Grafik geht, hat Canva mitsamt dem gekauften Affinity einen echten Aufschlag hingelegt. An Adobes Stelle würde ich mir echte Gedanken machen.
Kurz zusammengefasst: Ich sage ja schon lange, dass der eigentliche Gewinn von KI für uns Medienmenschen nicht in der generativen KI liegt. Texte schreiben mit KI, schön und recht. Bei Routinejobs auch jetzt schon so gut, dass man den Junior-Texter künftig ungefähr noch so viel brauchen wird wie eine Steuerberater-Gehilfin – nämlich gar nicht mehr. Dass die große Seite 3 in der SZ so schnell oder womöglich nie von der KI geschrieben wird, darüber muss man nicht debattieren, wenn man halbwegs klar bei Verstand ist.
Ich habe dann, das als Drittes, generell wieder viel vom German Angststillstand mitbekommen. Sogar bei noch sehr jungen Kollegen triffst du immer wieder auf eine merkwürdige Verzagtheit. Auf diese Haltung, erst einmal die Risiken und dann erst die Chancen zu sehen. Auf diese merkwürdige Form der Lähmung, wenn es etwas Neues gibt.
Viel zu häufig sieht man gigantisch aufgeblasene Skepsis. Spaß an der Transformation und Risikobereitschaft sind nicht gerade die Eigenschaften, die man mit unserer Branche (und leider auch mit vielen anderen) in Verbindung bringen würde. Lustig ist das allerdings gerade in Bubbles, in denen man wahlweise in leidenschaftlichen Leitartikeln oder LinkedIn-Posts und manchmal sogar in Newslettern dringend dazu auffordert, die eigene Komfortzone zu verlassen.
„Talk is cheap“, sagen Engländer gerne dazu, was nebenbei bemerkt auch ein schöner Beleg dafür ist, dass die englische Sprache manchmal einfach etwas prägnanter ist als Deutsch.
Learning by doing und ein kleines bisschen Autodidaktik
Was mir ebenfalls auffällt: Ich mache ja inzwischen leidlich viele Seminare, Coachings und Consultings zum Thema KI. Und immer wieder staune ich, wenn ich auf die Erwartung treffe: Zeig uns mal, wie das geht. Und zwar von A bis Z, idealerweise in einem schicken Handout. Große Enttäuschung dann oft, wenn ich jedes Mal dazu sage, dass es ohne Learning by doing und ein bisschen Autodidaktik nicht gehen wird. Alles an dem Thema KI ist neu. Und rasant. Kaum eine Woche, in der ich nicht in irgendeines meiner bevorzugten Werkzeuge schaue und nicht etwas entdecke, was neu ist.
Es gibt ja dann nur zwei Möglichkeiten zu reagieren: Entweder man lässt sich davon einschüchtern – oder man begrüßt diese neuen Möglichkeiten erst einmal mit einer ordentlichen Begeisterung. Ich fürchte, dass sich zu viele für Möglichkeit 1 entscheiden. Warum das so ist, können vermutlich Psychologen verständlicher erklären. Ich weiß nur, dass es sich dabei um die schlechtere der beiden Möglichkeiten handelt.
Der Steuerberater-Komplex
Kommen wir noch einmal kurz zu der in diesem Text schon mal kurz erwähnten Steuerberaterin. Ich habe das Thema Steuern immer gerne an eine Fachfrau abgegeben. Die wiederum hat daran (pardon my English!) ein Schweinegeld verdient. Was ich wiederum deswegen klaglos bezahlt habe, weil ich selbst nie alleine durch diesen Steuerdschungel gekommen wäre (das wäre übrigens auch mal was für diese Entbürokratisierung, von der man neuerdings immer so viel hört, aber das ist noch einmal ein ganz anderes Thema).
Jedenfalls habe ich jetzt ein paar simple und billige Tools, die mir viel abnehmen. KI erkennt automatisch, welche Belege wie und wo zuzuordnen sind. KI kann noch eine ganze Menge anderer Dinge bis hin zur fertigen Steuererklärung. Schön für mich, blöd für die Steuerberaterin, weil ich natürlich kein Geld für etwas bezahle, was ich selbst mit ein bisschen KI kann.
Jetzt aber bitte kein mitleidiges Lächeln über dröge und langsame Steuerberater.Potenziell kann es (fast) jede Branche erwischen, von heute auf morgen. Und fast jeden Job auch in unserer Branche. Brauchen wir wirklich noch die Vielzahl an Codern, Webdesignern, Grafikern? Eine Webseite lässt sich mittlerweile auch ganz ohne Coden und dafür mit viel KI bauen. Videos, Storys, Reels macht KI inzwischen richtig gut. Infografiken?
Zumindest bei einfacheren Aufgaben schafft das inzwischen ein gutes Tool schnell und auch halbwegs zufriedenstellend. Was der Steuerberaterin blüht, kann also jederzeit auch in anderen Branchen passieren. Schon alleine deswegen ist die Beschäftigung mit KI kein Luxus, sondern reiner Selbstschutz.
Und außerdem: Man könnte ja auch, ganz verwegener Gedanke, mal ein paar richtig, neue und zukunftsträchtige Sachen daraus entwickeln.