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    Die verzagte Medien-Nation

    Manchmal kommt mir unsere Gesellschaft im Allgemeinen und unsere Branche im Speziellen schon etwas arg verzagt vor. Neuestes Beispiel: die Debatten zum Thema KI. Wie man selbst mit kleinen Teams vieles besser machen kann – heute in der neuen Ausgabe von HYBRID Eins Weekly. Von Christian Jakubetz


    Von Christian Jakubetz

    Diese Woche haben wir mal wieder viel über Regulierung gehört. Davon, dass die KI im Allgemeinen und die großen Plattformen als solche der Feind schlechthin sind. Kulturstaatsminister Weimer sprach von geistigem Vampirismus und warf noch ein paar andere hübsche Metaphern in die Runde. Was in der Sache kaum zu bestreiten ist. Nur eines ist doof daran: dass wir nämlich dasselbe Spiel erleben, das wir in den letzten Jahren bei den verschiedensten Entwicklungen im Netz schon gesehen haben. Und das geht in etwa so:


    • Irgendwo (allermeistens nicht in Europa) entwickeln ein paar Nerds etwas bahnbrechend Neues. Das Internet als solches. Die Suchmaschine. Social Media. Die Cloud(s). Und jetzt die KI. More to come soon.
    • Die Nerds entdecken das Potenzial und machen aus der Nerdsache ein richtig großes Ding. Kurz darauf sind sie erstens im Besitz von Milliarden und zweitens von de-facto-Monopolen.
    • Jahre später im weit entfernten Deutschland: Medienunternehmen fühlen sich bedroht und fürchten um ihr Geschäftsmodell. Sie fordern wahlweise Regulierungen oder Geld vom Staat. Manchmal auch beides.


    Was als viertes passiert, ist noch nicht sicher ausgemacht. Aber vieles deutet darauf hin, dass die ganze Geschichte nicht gut ausgeht. Und damit schalten wir um nach Duisburg. Und nach Norwegen. In Duisburg sitzt mit Studio 47 ein TV-Lokalsender. Einer, wie es sie in Deutschland zu Dutzenden gibt. Und trotzdem ist er auf seine Weise einzigartig. In der norwegischen Kleinstadt Tromsø wiederum gibt es eine kleine Lokalzeitung. Ebenfalls aus der Kategorie "gibt es in dieser Form zu tausenden auf der ganzen Welt". Und gleichzeitig ebenfalls: einzigartig.


    Wie kann man eine Technologie für sich nutzen?


    Und auch, wenn sie es in Norwegen und im Ruhrpott noch nicht wissen: Sie haben verdammt viel gemeinsam (vielleicht sollten die sich ja mal treffen). Was sie gemeinsam haben: Beide sehen KI als Chance. Beide stehen nicht wie das Kaninchen vor der KI-Schlange und beide schauen, wie sie diese Technologie für sich nutzbar machen können. Und das nicht, indem man ein ChatGPT-Abo in die Redaktion einbaut. In Duisburg beispielsweise machen sie ganze Sendestrecken mit Avataren, bestehend weitgehend aus KI-generierten Nachrichten.


    Chefredakteur Sascha Devigne war zudem der erste im deutschen TV, der (s)einen Avatar in einem Live-Interview einsetzte. In Norwegen wiederum haben sie entdeckt, wie ihnen KI bei der Recherche und bei der Analyse großer Datenmengen helfen kann. Und das, obwohl sowohl in Duisburg als auch in Norwegen keine Potenziale für riesige Beratertruppen und Entwicklungsteams da sind. Das alles wird aber ersetzt durch Hands-on-Mentalität und unbändige Neugier darauf, was man mit diesem Zeug so alles machen kann. Für lange Details fehlt es hier an Platz (googeln Sie Studio 47 Duisburg und Tromso, dann werden Sie ausreichend fündig). Und natürlich habe ich keine Ahnung, wie diese Experimente ausgehen werden. Aber sie finden statt, das ist das Entscheidende.


    Technologie ist immer auch eine Chance


    Daran fehlt es leider der Masse: an der Idee, dass eine neue Technologie auch eine Chance sein kann. Dass man die Dinge selbst in die Hand nehmen kann (und muss). Erstaunlich übrigens auch, dass diese Technologie-Skepsis ausgerechnet in unserer Branche weitverbreitet ist, wo wir doch ansonsten gerne den Rest der Menschheit in flammenden Beiträgen dazu auffordern, nicht so träge zu sein. Das war schon so, als vor Jahrzehnten der Ganzseitenumbruch in Zeitungsredaktionen eingeführt wurde. Das sei das Ende der Kreativität; der Redakteur werde zum Redaktroniker.

    Es gab – ernsthaft – Podiumsdiskussionen zu diesem Thema und auch Demonstrationen.


    Das Gejammere beim Durchbruch des Webs ist uns immer noch allgegenwärtig, und beim Thema KI gilt der Dreiklang: Die USA macht, die EU reguliert und die Medienbranche jammert. Nein, ich bin nicht so naiv, dass ich denke, dass alles, was gerade beim Thema KI passiert, auch wirklich gut ist. Ich glaube auch nicht, dass man den Markt und die großen Player einfach mal machen lassen sollte.

    Aber was ich auch weiß: Mit dieser Verzagtheit werden wir nicht weit kommen. Und ein wenig mehr Selbstbewusstsein darf schon auch sein. Natürlich kann uns generative KI inzwischen eine Menge Routinearbeiten abnehmen. Aber das kann man ja nur als schlechte Nachricht werten, wenn man gerne Routinearbeiten macht. Für alle anderen heißt das, dass wieder Platz freigeschaufelt wird. Für Kreativität, für Dinge, die man wirklich gerne macht. Für alles, was wir besser können als eine KI.


    Und das ist immer noch eine ganze Menge!