KI 2026: Weniger Slop, mehr Profis
KI 2026: Das heißt, wir kommen langsam in eine neue Phase. Es endet (hoffentlich) die Ära der weitgehend sinnbefreiten lustigen Videos und auch der stochastischen Papageien. Es enden auch die feuchten Träume von Metaversen. Was kommt dann? Mehr Reasoning, mehr Utility. Mehr KI für Profis und hoffentlich weniger Slop.

Von Christian Jakubetz
Diese Woche gab es mal eine wirkliche Überraschung aus dem Hause OpenAI: Die videogenerierende KI Sora geht ihrem Ende entgegen und wird demnächst eingestellt. Ohne Vorwarnung, von heute auf morgen. War das nicht gerade erst gefühlt vorgestern, als die halbe Welt auf Sora wartete und fortan die Segnungen von KI-generierten Videos gepriesen wurden? Und das alles soll jetzt vorbei sein?
Schaut man genauer hin, wundert man sich nicht so wirklich. Und bei noch genauerer Betrachtung stellt man fest, dass es sogar ein Segen sein kann, wenn OpenAI jetzt den Stecker zieht. Der Hype um die „Wunder-App“ ist vorbei, aber die Technologie wird erwachsen.
Klingt zunächst wie ein eklatanter Widerspruch, ist aber eigentlich nur logisch. Weil mit diesem Ende von Sora die „Eintrittskarte“ für qualitativ hochwertige KI-Videos für die breite Masse eingezogen wurde. Schluss mit Spielzeug, jetzt übernehmen bitte die Profis. Das drölfzigste „lustige“ KI-Video braucht wirklich kein Mensch. Ganz davon abgesehen, dass solche Videos und Nutzungsszenarien angesichts der exorbitanten Kosten, die sie produzieren, ökonomisches Harakiri sind.
Nein, natürlich ist KI-generiertes Video nicht per se tot. Im Gegenteil, das Ende von Sora ist gleichzeitig der Übergang zu professioneller Nutzung. Sora war de facto nicht sehr viel mehr als ein nettes Spielzeug (dafür war es allerdings schon etwas teuer für OpenAI). In etwa vergleichbar mit der Phase, als Menschen mit ChatGPT lustige Geburtstagsgedichte oder grässliche pseudo-besinnliche Weihnachtsgrüße produzierten.
Der große Kassensturz
Fast zeitgleich mit dem Sora-Aus kommt noch ein anderes Aus: Mark Zuckerberg zieht bei seinem Prestigeprojekt Horizon Worlds in der VR-Variante den Stecker. Erinnern Sie sich noch an 2021? Wie wir alle dachten, wir würden bald als beinfreie Avatare in virtuellen Konferenzräumen sitzen, während die echte Welt draußen langsam verblasst? Als wir meinten, Redaktionskonferenzen würden jetzt mit bleischweren Brillen auf dem Kopf abgehalten.
Auch hier: Der große Kassensturz. Milliarden wurden in eine Vision gepumpt, die an der Realität der Nutzer gescheitert ist. Die Menschen wollen keine isolierenden Brillen, um mit Freunden zu chatten – sie wollen Werkzeuge, die ihren Alltag in der echten Welt bereichern.
Meta fokussiert sich jetzt auf das, was wirklich funktioniert: KI-Assistenten und smarte Brillen, die uns Informationen einblenden, statt uns in eine künstliche Matrix zu sperren. Das Metaverse ist nicht gestorben – es wurde schlichtweg von der Vernunft eingeholt.
Ich habe mir so eine Meta Quest auch zugelegt (das Apple-Teil ist bestimmt sehr chic, aber 3000 Euro für ein hübsches und weitgehend sinnloses Spielzeug – das ist sogar mir als bekennendem Apple-Fanboy zu bekloppt). Ja, das ist alles ganz lustig anzuschauen. Aber im Gebrauch habe ich das Ding so gut wie nie. Zu viel Aufwand für einen sehr überschaubaren Ertrag.
Es ist sehr viel Staunen über das, was so alles möglich ist. Aber an der Frage der Alltagstauglichkeit zerschellt das Ding gnadenlos. Meine AirPods in den diversen Varianten sind mein persönliches Metaverse. Und ich bin ziemlich sicher, dass es vielen anderen Menschen auch so geht.
Die zwei Kriterien für funktionierende Technik
Schadet also nicht, wenn man bei den Debatten über unsere Zukunft und die dazugehörrende Technik zwei Sachen berücksichtigt. Zwei Kriterien, die immer und überall gelten:
Der wirkliche Nutzen für Menschen – und da sind die feuchten Metaverse-Träume von Mr. Zuckerberg das allerbeste Beispiel. Nicht alles, was machbar ist, ist auch sinnvoll. Vor bald 25 Jahren gab es mit „Second Life“ den ersten großen Hype um virtuelle Welten. Er ging genauso vorbei wie der kurzzeitige Boom von 3D-Filmen und jetzt eben dem Metaverse. Kein einziger Film wurde besser, weil es ihn in 3D gab. Die Welt wird nicht besser, weil sie virtuell ist. Und, das kann man auch als Learning aus Pandemie und Digitalisierung mitnehmen: Menschen brauchen immer noch Menschen (auch wenn sie manchmal nerven). Nach der VR-Brille ist dir irgendwann schwummrig und Zoom-Meetings haben auf Dauer etwas ungeheuer Trostloses. So wie Homeoffice übrigens auch, wenn man nicht gerade Misanthrop ist. Ein Tag zuhause ist ein Gewinn, ein Zoom-Meeting oder eine VR-Session ab und an ganz charmant. Aber auf Dauer scheitert es genau an seinem größten vermeintlichen Vorteil: Es sind künstliche Welten mit sehr überschaubarem Nutzwert.
Der wirkliche Nutzen für Unternehmen und Investoren: KI kostet wahnsinnig viel Geld. Nicht nur in der Entwicklung, sondern auch im täglichen Betrieb. Naheliegend also, dass man sich aus jeder Perspektive die Frage stellt: Lohnt sich das? Wo ist mein Return on Investment? Dass man nicht Milliarden in die Hand nimmt, um eine KI alberne Videos oder Geburtstagsgedichte produzieren zu lassen, leuchtet ein.
Perspektiven für die Zukunft
Fangen wir mit dem an, was wir oft fälschlicherweise unter KI verstehen: Large Language Models (LLM). „Stochastische Papageien“, wie wir im Universalcode schon mal geschrieben haben. Mehr oder weniger intelligente Plappermaschinen. Maschinen, die buchstäblich nichts „wissen“, aber dafür ganz gut darin sind, Wahrscheinlichkeiten von Wortfolgen zu prognostizieren.
Das große Aber: Wir haben das Ende der Fahnenstange bei den klassischen Sprachmodellen erreicht.
Man muss sie sich vorstellen wie Smartphones: Es gibt keine exponentielle Steigerung mehr, sie sind quasi ausentwickelt. Jahrelang galt das Dogma: Mehr Daten + mehr GPUs = mehr Intelligenz. Das ist vorbei. OpenAI hat das erkannt und zieht die Konsequenz: Warum Milliarden in ein Videotool wie Sora stecken, das physikalische Fehler macht, wenn man dieselbe Rechenpower nutzen kann, um der KI echtes Reasoning beizubringen?
Dabei geht es nicht mehr darum, dass die KI uns mit originellen Texten unterhält, sondern dass sie logisch denkt. Eine Reasoning-KI zerlegt Probleme in Einzelteile, prüft sich selbst und liefert ein Ergebnis, das nicht nur gut klingt, sondern faktisch korrekt ist. Der neue Fokus heißt Utility – purer Nutzwert. Die Ära der KI-Agenten beginnt. Wir brauchen keine Chatbots, die uns erklären, wie man eine Reise bucht; wir brauchen Agenten, die sie tatsächlich buchen. Kurz gesagt: Wir brauchen eine KI, die endlich wirklich „mitarbeitet“, statt nur zu simulieren.
Auch bei Meta haben sie etwas eingesehen: Isolation und Simulation bringen uns nicht weiter. Das Geschäftsmodell 2026 ist das „High-End-Werkzeug“, das uns im Alltag wirklich den Rücken freihält. Weniger Show, mehr Substanz. Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht dieser Woche: Die Technik wird endlich wieder das, was sie immer hätte sein sollen: Ein Diener der menschlichen Vernunft, kein Selbstzweck.
Also: Setzen wir die Brillen ab und fangen wir an zu arbeiten.