KI als „Advocatus Diaboli“
Bei KI und Texten denken viele an automatisch generierte (schlechte) Texte. Dabei kann man mit KI sehr viel bessere Texte schreiben, ohne dass die KI selbst schreibt. Wie das geht? Steht hier.

Von Christian Jakubetz
Das Schlimmste an KI? Ja, klar, immer noch die vielen Fehler, die so ein Ding macht; das Halluzinieren, ohne rot zu werden. Aber mindestens genauso nervig: diese Gefallsucht. Bei einem Menschen würde man von einem People Pleaser sprechen. Das Blöde daran ist ja nicht nur dieses Anbiedernde, sondern dass damit auch eine reale Gefahr verbunden ist: KI liefert oft den kleinsten gemeinsamen Nenner – glatte, gefällige, aber langweilige Ideen. Und sagt dir dabei auch noch, wie großartig du bist! Kurz gesagt: Die KI macht das, was ein kritischer Kollegengeist aus Fleisch und Blut nie machen würde, es sei denn, er wäre vom Typus People Pleaser.
Was also tun, dass man zu WIRKLICH besserem Content kommt – nicht obwohl, sondern weil man eine KI dazwischengeschaltet hat?
Das geht ganz einfach:
Nutze die KI nicht als Ja-Sager, sondern als konträren Advocatus Diaboli.
Und/oder: Nutze zwei Modelle und lasse sie gegeneinander antreten. Wie auch immer, wenn man der KI klar den Auftrag gibt, dann kommen dabei meistens ganz gute Ergebnisse raus. Die Einschränkung „meistens“ steht hier, weil jede KI auch die Neigung zur Übertreibung hat. Ich habe es auch schon erlebt, dass sie mir bei der Anwendung dieses Konzepts, alles, wirklich ALLES zerschossen hat. Man muss also irgendwann auch mal die ganze Sache wieder gut sein lassen.
Der Praxis-Hack: Der konstruktive Perspektivwechsel
Nutze die KI nicht als Ja-Sager, der deinen Text einfach nur abnickt und lobt. Bitte sie stattdessen um eine sachliche Gegenperspektive, um blinde Flecken aufzudecken.
Kopiere deinen fertigen Textentwurf oder dein Konzept in die KI und nutze folgenden Prompt:
Der Alltags-Prompt: „Ich habe hier einen Textentwurf geschrieben. Bitte lies ihn aufmerksam durch und nimm die Rolle eines interessierten, aber anspruchsvollen Lesers ein. Gib mir kurzes, sachliches Feedback zu folgenden drei Punkten:
- Gibt es an einer Stelle einen logischen Sprung oder ein Argument, das noch nicht gut genug begründet ist?
- Welche naheliegende Gegenmeinung zu meiner These habe ich im Text komplett vernachlässigt?
- Wo verliert der Text an Tempo oder wirkt langatmig?
- Bitte formuliere dein Feedback ermutigend und konstruktiv in Stichpunkten.
Der echte Mehrwert
Dieser Hack nimmt dir keine Arbeit ab, sondern er wertet deine Arbeit auf. Der Vorteil für dich und dein Team.
Blinde Flecken aufdecken: Du siehst sofort, wo du Argumente als „selbstverständlich“ vorausgesetzt hast, die für den Leser eigentlich noch erklärt werden müssten.
Sicherer argumentieren: Indem du die Gegenperspektive der KI liest, kannst du deinen Text noch vor der Veröffentlichung um einen Satz ergänzen wie: „Man könnte hier einwenden, dass... aber in der Praxis zeigt sich...“. Das macht deinen Content extrem krisenfest.
Qualitäts-Sicherung ohne Frust: Es ist ein schneller, privater Qualitätscheck, der dich motiviert, den Text den entscheidenden Tick besser zu machen, bevor er dein Publikum erreicht.
Wie man sieht: KI ist so viel mehr als ein lahmes Sprachmodell, mit dem man ein paar Texte generieren kann. Die Stärke liegt ganz woanders: in ihrer Möglichkeit, Ideenfabrik und Impulsgeber, Assistent und freundlicher, aber bestimmter Sparringspartner zu sein.
Der Rest kommt fast von selbst.