Lieber 5000 Leser als 50000 Follower
Reichweite, das war (und ist) für viele immer noch die Maßeinheit Nummer eins. In digitalen Zeiten verliert das allerdings mehr und mehr an Bedeutung. Lieber die richtigen erwischen als eine enorm große Menge, zu denen du keine echte Bindung aufbauen kannst.

Von Christian Jakubetz
Irgendwann vor ein paar Tagen ist mir aufgefallen, dass ich angeblichContent Creator bin. Gut, nachdem sich mein Leben seit 40 Jahren mehr oder weniger um Content dreht (ohne dass man damals dieses grässliche Wort in den Mund genommen hätte), war ich im ersten Moment nicht wirklich überrascht. Ich war lediglich verwundert, dass mir das gute, alte Facebook diese Bezeichnung in mein Profil gepackt hatte, ohne dass ich irgendwas in diese Richtung veranlasst hätte. Bis mir dann auffiel, dass alle möglichen Flachpfeifen das in ihrem Profil stehen haben.
No hard feelings, von mir aus darf sich jeder nennen, wie er möchte. Und nachdem Facebook in den vergangenen Jahren endgültig zur Senioren-Plattform verkommen ist und den Kampf gegen den Coolness-Verlust verloren hat, was soll's also?
Trotzdem, eines habe ich daraus mitgenommen:
Wenn wir jetzt alle mehr oder auch weniger irgendwas mit Content machen, ändern sich die Voraussetzungen für uns, die das halbwegs professionell machen, einigermaßen drastisch.
Und das aus einer ganzen Reihe von Gründen.
Der Wichtigste: Ob wir wollen oder nicht, stehen wir plötzlich in einem ganz anderen Konkurrenzkampf als vorher. Wenn du auf einmal mit deiner tollen Geschichte oder deinem hübschen Video nicht nur neben dem Angebot des Mitbewerbers stehst, sondern auch noch Katzenvideos und Hautpflege-Tipps eines Dubai-Influencers ausstechen sollst, wird es happig.
Und der zweite: Bei einem Stream, der nie endet, wird die Nutzung per se flüchtiger. Ich habe keine Ahnung, wie viele Beiträge ich von Menschen und Unternehmen gesehen habe, deren Namen ich vier Sekunden später wieder vergessen hatte und denen ich nie wieder begegnet bin. Falls doch, habe ich es nicht mal bemerkt.
Die kleinste Reichweite meines Lebens
Wie überlebt man also in diesem unendlichen Stream aus Katzenvideos und Algorithmus-Wahnsinn?
An dieser Stelle ein Geständnis:
Sie sind das kleinste Publikum, für das ich jemals gearbeitet habe.
Nehmen Sie es mir nicht krumm, aber für diese Reichweite wäre ich früher nicht mal aufgestanden. Nicht mal bei meinen kleinsten Lokalredaktionen war die Reichweite so gering, und von denen zu Zeiten bei Radio und TV reden wir lieber erst gar nicht.
Aber genau das ist der entscheidende Punkt. Diese riesigen Reichweiten spielen heute keine Rolle mehr. Für ein funktionierendes digitales Geschäftsmodell sind sie nicht mehr entscheidend. Man kann auf Reichweite setzen, aber man muss es nicht mehr; das ist der Unterschied zu vergangenen Tagen.
Davon abgesehen ist der Spaß deutlich größer, wenn man sein Publikum einigermaßen gut kennt und jede Woche nach diesem Newsletter auch ganz persönliches Feedback bekommt – an dieser Stelle übrigens ganz herzlichen Dank dafür!
Was aber dann – und warum finde ich es prima, dass wir hier bei Universalcode eine kleine, aber feine Zielgruppe haben? Weil Bindung und Community inzwischen viel wichtiger sind als irgendwelche irren Followerzahlen, Auflagen und Quoten. Die Logik hat immer noch ihre Berechtigung: Lieber 5000 von den richtigen als 50000, die man weder kennt noch wirklich an sich gebunden hat.
Die Tiefe ist wichtiger als die Breite.
Deswegen auch mein unerschütterlicher Glaube an Newsletter, an Podcasts, an eigene Webseiten und eigene Angebote. Und daran, dass man heute keine riesige Infrastruktur mehr hinter sich haben muss, um bestehen zu können. Klar ist aber auch: Sie müssen wissen, wer Sie sind, was Sie wollen und für was Sie stehen. Je unklarer das Profil, desto größer die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns.
Digitale Geschäftsmodelle und warum wir von Influencern uns doch das eine oder andere abschauen können – auch zu diesem Thema haben wir im neuen Universalcode ein Kapitel. Erscheint im Spätsommer bei Spriger VS!