Mensch schlägt Maschine
Zu den vermutlich unoriginellsten Erkenntnissen der jüngeren Zeit gehört vermutlich das hier: Wenn KI und Social-Binge-Maschinen jede Menge Content in die Luft pusten, dann ist es für Medienme…

Von Christian Jakubetz
Zu den vermutlich unoriginellsten Erkenntnissen der jüngeren Zeit gehört vermutlich das hier:
Wenn KI und Social-Binge-Maschinen jede Menge Content in die Luft pusten, dann ist es für Medienmenschen ein Rattenrennen, wenn man meint, man könnte da irgendwie dagegenhalten.
Bevor du deinen ersten Absatz eingetippt hast, hat die KI einen fertigen Text erstellt und sind bei TikTok schon wieder drei neue Shorts gelaufen. Könnte also problematisch werden, wenn man versucht, zur KI- und bingekompatiblen Maschine zu werden.
Mindestens genauso wenig originell auch diese Feststellung:
KI hat keine Persönlichkeit, keine Seele. Sie kann manchmal schon sehr passabel imitieren. Aber wie soll eine Maschine, die irgendwelche Wahrscheinlichkeiten berechnet, jemals so was wie Identität entwickeln ?
Kein Wunder also, dass bei allem, was man so hört zu den erwarteten Trends der kommenden Monate und Jahre, eines im Mittelpunkt steht:
*trommelwirbel*:
Der Mensch!
Egal, ob wir heute von Liveformaten reden oder von Podcasts oder von Newslettern, auf eines hoffen wir dann doch alle:
Die Identität schlägt den Algorithmus. Persönlichkeit ist wichtiger als Power.
Lass die KI die Routine machen oder irgendwelche Slop-Videos kreieren. Das alles ist kein Journalismus und es sind auch keine echten Medien im klassischen Sinn. Menschen haben Seele, haben Haltung und machen auch mal Fehler (ich hätte ja nicht erwartet, dass man mal Fehler feiern würde, habe jetzt aber wenigstens ein wunderbares Ausredenargument für meine legendären Flüchtigkeitsfehler und stilistischen Marotten).
Grund 1: Die KI kann alles zusammenfassen, aber sie weiß nicht, was für dich heute wichtig ist.
KI hat die Neigung zum Opportunismus und zur Gefallsucht. Was immer du sie fragen wirst, sie wird dir fast immer recht geben. Wenn du sagst: „Ich glaube, ich bin ein missverstandenes Genie und alle hassen mich“, wird sie antworten: „Das bist du! Du verdienst weit mehr als das!“
So ist das auch mit Inhalten. KI füttert dich mit dem, was du meistens willst. Aber nicht mit dem, was du vielleicht jetzt im Moment wollen könntest. Sie wird dich nie überraschen, sie wird dir immer more of the same geben. Du wirst nie eine neue, andere, frische Perspektive bekommen, sondern stattdessen einen maschinengewordenen Confirmation Bias.
Du bist umzingelt von afrikanischen Messermännern und der Klimawandel ist eine einzige Lüge? Politiker essen im Keller kleine Kinder auf (mit Senf)? Die KI wird dir ausreichend Belege liefern. Manchmal ist sogar das Dschungelcamp ein Beweis dafür: Die dauerbrüllende Motzkandidatin Ariel behauptete, die Erde sei flach und der Mensch nie auf dem Mond gewesen. Woher sie das wisse? TikTok!!
Man muss nicht zum Verschwörungstheoretiker werden, aber klar ist auch: Das, was Menschen können, echte Persönlichkeiten mit all ihren manchmal schwer zu erklärenden Widersprüchen, wird eine KI nie können. Und deswegen, noch einmal: KI fasst zusammen und liefert. Mit Kuration hat das aber nichts zu tun.
Grund 2: KI-Content ist eine Einbahnstraße. Er ist zum Konsumieren da, nicht zum Interagieren.
Leserbriefe, Kommentare, Social Media. Seit es Medien gibt, ist die Interaktion einer ihrer Bestandteile. Und selbst, wenn du dem Podcast-Host nur mitteilen willst, dass du seine Stimme grässlich findest – bitte sehr – auch das ist Interaktion. Und wenn du das unbedingt loswerden willst, okay (auch wenn es vermutlich sinnvollere Formen der Interaktion gibt). Die Debatten über die letzte Bundestagssitzung oder den Grottenkick vom Samstag? Das alles macht Medien aus.
Medien sind soziale Räume. Ein Podcast-Host ist wie ein alter Bekannter (parasoziale Interaktion). Man kann mit einer KI debattieren, aber man kann sich nicht mit ihr verbünden oder an ihr reiben. Identität schafft Reibungsfläche, und Reibung erzeugt Wärme/Bindung.
Und was ich zum Thema Geschäftsmodelle schon öfter geschrieben habe, passt auch hier: Menschen suchen keine Inhalte, sie suchen Zugehörigkeit. In Zeiten wie diesen gilt das umso mehr.
Grund 3: KI ist darauf programmiert, "safe" und "smooth" zu sein – sie ist der statistische Durchschnitt aller Meinungen.
Du magst diesen Newsletter zwar, findest aber gelegentlich, dass ich irgendwelchen Unsinn geschrieben habe? Du liebst die Beatles, hältst aber „Maxwells Silver Hammer“ für schwer auszuhaltendes Gedudel (das Beispiel habe ich gewählt, weil es aus meiner eigenen Welt stammt)?
Tja. Deal with it. Oder anders gesagt: Was wären Medien, was wäre das Leben, wenn man nicht mal völlig anderer Meinung wäre? Todlangweilig. Wenn alle in einem Raum deiner Meinung sind, bist du im falschen Raum (und wenn du in einem Raum der Schlauste bist, dann gilt das erst recht).
Ja, ich weiß: Widerspruch wird zunehmend seltener gut ausgehalten und es gibt zunehmend auch Menschen, die Widerspruch als Zensur oder Einschränkung der Meinungsfreiheit empfinden. Aber so ist das nun mal unter Menschen. Unterschiedliche Perspektiven gehören dazu, und hätte es die nie gegeben, würden wir immer noch mit der Keule in der Hand Mammuts erlegen.
Nichts gegen Durchschnitt, der ist schon okay. Nur zum Maß aller Dinge sollte man ihn nicht machen. Schon gar nicht, wenn es um Medien und Kommunikation geht.
Wer es allen recht machen will (wie die KI), ist für niemanden wirklich relevant. Wirkliche Identität bedeutet, auch mal anzuecken. Journalismus braucht Haltung, nicht nur Ausgewogenheitssimulationen. Deine "stilistischen Marotten" sind genau das, was dich unterscheidbar macht. Charakter ist die Abweichung vom statistischen Mittelwert. Oder, wie es schon Franz Josef Strauß vor 50 Jahren gesagt hat: Everybody’s darling is everbody’s Depp.
Und deswegen wird der Mensch immer wichtiger. Je mehr KI, desto mehr Personality. Wer das kapiert, hat womöglich sogar eine Zukunft.
Der Rest ist nur Slop.