Und jetzt übernimmt der Agent
KI verändert nicht nur die Art und Weise, wie wir Medien. Sie verändert auch ihre Nutzung. Alles, was wir bisher kannten, wird jetzt auf den Kopf gestellt, den Agenten sei Dank.

Von Christian Jakubetz
Jetzt gibt es also Zahlen. Konkrete, keine gefühlten. Das Unternehmen Sistrix hat 100 Millionen Suchbegriffe ausgewertet – und das Ergebnis ist, nun ja, erwartbar:
AI-Overviews werden bei etwa 20 % der Keywords in Deutschland ausgespielt. Die CTR auf Position 1 sinkt von 27 % auf 11 % – ein Verlust von fast 60%. Insgesamt kostet das 265 Millionen organische Klicks pro Monat in Deutschland. Eine Seite wie ndr.de verliert demnach monatlich rund drei Millionen Klicks. Das ist schon eine Hausnummer.
Man muss weder Suchmaschinen-Experte noch Prophet sein, um davon nicht überrascht zu sein. Und die Party hat gerade erst begonnen. In einem Jahr reden wir vermutlich über „Zero Google“ – nicht als Utopie, sondern als reale Option. Ja, natürlich ist ChatGPT keine Suchmaschine. Nur interessiert das die User herzlich wenig. Die nutzen KI längst als Suchmaschine – und als einiges mehr.
Irgendwie typisch deutsch, den Dingen hinterherzulaufen und dann zu sagen: Ja, aber … Deal with it wäre die deutlich klügere Reaktion.
Stattdessen haben große deutsche Mediengruppen – darunter BDZV-Mitglieder – offiziell Beschwerden gegen AI-Overviews eingereicht. Ihre Argumentation: Traffic-Verluste gefährdeten Medienvielfalt und journalistische Finanzierung.
Berechtigt? Grundsätzlich ja. Nur hat die Logik dahinter einen kleinen Haken.
Eineinhalb Jahrzehnte haben Deutschlands Zeitungen Google bekämpft. Google bereichere sich an ihren Inhalten, bringe aber wenigstens noch Traffic. Das Ergebnis war irgendwann eine Kuriosität namens Leistungsschutzrecht. Und jetzt? Jetzt beklagt dieselbe Branche, dass genau dieser Traffic zurückgeht – weil AI-Overviews das Googlen und das Zeitungslesen bei immer mehr Themen schlicht überholt machen.
Übrigens nicht nur das von Zeitungswebseiten. Die stärksten Rückgänge durch AI-Overviews spürt gerade: Wikipedia.
Die Gretchen-Frage: Wer braucht uns noch wofür?
Das illustriert auch ein aktuelles Beispiel aus Köln. Dort hat der ehemalige BDZV-Chef Helmut Heinen seine „Rundschau“ dichtgemacht. Genauer: Der Titel läuft weiter, wird aber künftig mehr oder weniger komplett von der bisherigen Konkurrenz, dem „Kölner Stadtanzeiger“, gemacht. Zwei Zeitungen, eine Redaktion.
Der DJV hat prompt reagiert – und gemeint, das dürfe jetzt aber nicht zu weniger Qualität und Vielfalt führen. Das ist, mit Verlaub, simple Mathematik: Aus zwei Redaktionen eine zu machen, bedeutet weniger Vielfalt. Immer.
Die Branche ist ungefähr so einfallsreich wie die Autobauer, deren Zukunftsstrategie darin bestand, darauf zu beharren, dass der Verbrenner bleiben muss. Man kann über andere Antriebe denken, was man will – aber dass sie die Zukunft sind, ist unstrittig.
So ist das auch mit dem Produkt Zeitung. Nicht nur das Gedruckte. Mittelfristig dürfte sich das Produkt massiv wandeln: weg von der wie auch immer distribuierten Artikelsammlung, hin zu multimedialen, interaktiven und im ständigen Flow arbeitenden Communitys.
Davon hört man nichts. BDZV und DJV wollen vor allem eines: Alles soll so bleiben, wie es ist.
Dabei ist der eigentliche Job längst ein anderer: herauszufinden, wofür man uns überhaupt noch braucht. Wofür Menschen bereit sind zu bezahlen. Was ihnen wirklich etwas nutzt. Wer soll noch nach Tipps zur richtigen Gartenpflege googeln, wenn die KI sie ihm zusammenstellt? Oder nach einem Trainingsplan fragen, wenn die KI ihn in Sekunden für jede Sportart schreibt?
Das Produkt Zeitung – egal ob auf Papier, als E-Paper oder hinter einer Paywall – beantwortet diese Fragen nicht. Die Probleme liegen tiefer: in der Linearität, im fehlenden Rückkanal, in der Bindung an Raum und Zeit. So funktionieren Medien und Kommunikation heute nicht mehr.
Das alles gilt nicht nur für Zeitungen. Sondern für alles, was mit Medien und Kommunikation zu tun hat.
Schon gleich gar nicht, wenn Agenten gerade die nächste Stufe zünden.
Glauben Sie nicht, die Sache mit den Agenten? Dann schauen Sie sich an, was in wenigen Tagen passiert ist.
Was gerade passiert, ist kein gradueller Wandel. Das ist ein Bruch.
Innerhalb weniger Tage haben OpenAI, Meta und Anthropic Milliarden in KI-Agenten investiert. Kein Pilotprojekt, kein Testballon. Eine knallharte strategische Entscheidung. Die Großen haben entschieden: Das hier ist die Zukunft.
Ein Beispiel, das man sich merken sollte: OpenAI hat Peter Steinberger geholt. Österreicher, Einzelkämpfer, kein Konzern im Rücken. Sein Agent „OpenClaw“ verbreitete sich über WhatsApp – und wurde innerhalb von Wochen zum Phänomen. Ein Mann, ein Laptop, ein Werkzeug, das den Alltag organisiert.
Meta? Zwei Milliarden Dollar für das Startup Manus. Wer Manus kennt, weiß: Das ist kein überhöhter Preis. Das ist Realismus.
Und Anthropic startet ein Enterprise-Programm, bei dem KI-Agenten eigenständig Finanzanalysen erstellen und Verträge prüfen. Nicht als Zukunftsvision. Als Produkt.
Was das bedeutet? Ganz einfach: 2025 war das Jahr der großen Ankündigungen. 2026 ist das Jahr, in dem KI-Agenten im echten Leben ankommen. In Ihrem Leben. In meinem. In dem aller, die glauben, das geht sie nichts an.
Die gute Nachricht: Es ist noch nicht zu spät. Die schlechte: Das war es auch 2015 schon.