Warum Social Videos unverzichtbar geworden sind
Social Videos, das ist mehr als ein hochformatig gedrehtes Ding. Stattdessen; ein Gesprächsangebot und ein Genre, das für Medien und Kommunikation inzwischen unverzichtbar geworden ist.

Von Christian Jakubetz
Okay, legen wir die Karten auf den Tisch:Ich habe euch jahrelang Blödsinn erzählt.
Nicht mit Absicht, natürlich. Ich wusste es einfach nicht besser. Aber wenn ihr in einem meiner Seminare gesessen habt und ich euch mit hochrotem Kopf erklärt habe, dass hochformatige Videos die Wurzel allen Übels sind, dann möchte ich mich hiermit offiziell entschuldigen.
Ich war damals fest davon überzeugt. Ich hatte sogar Beweise. Es gab dieses fantastische Video über das"Vertical Video Syndrome", das ich wie eine Monstranz vor mir hergetragen habe. Ich fand es plausibel. Ich fand es logisch. Ich fand es ästhetisch richtig.
Und genau da lag das Problem.
Eure ästhetischen Vorlieben interessieren niemanden
Die Zeiten haben sich nicht nur geändert, sie haben sich einmal komplett gedreht. Während ich (und viele von euch) noch darüber philosophiert haben, wie "unprofessionell" schwarze Balken am Rand aussehen, hat die Realität uns links und rechts überholt.
Hochformat ist heute nicht nur "okay". Es ist der Goldstandard. Und hier ist die unangenehme Wahrheit, die wir Medienprofis schlucken müssen: Es geht nicht darum, was wir schön finden.Es geht darum, was funktioniert.
Wir haben uns lange eingeredet, dass Qualität bedeutet, wie teuer die Kamera war und wie perfekt das Licht gesetzt ist. Das war unser Ego, das gesprochen hat. Der Plattform – und noch wichtiger: den Menschen am anderen Ende – ist das völlig egal."Form follows Function"heißt heute: Wenn das Hochformat mehr Reichweite bringt, mehr Interaktion auslöst und die Leute stoppt, dann ist das Hochformat das "schönere" Format. Deal with it.
Warum Perfektionismus langweilig ist
Hier ist der eigentliche Mindshift, den wir hinlegen müssen: Wir kommen aus einer Welt des "Sendens". Wir dachten, unsere Aufgabe sei es, ein perfektes Paket zu schnüren, eine Schleife drum zu machen und es dem Publikum vor die Füße zu legen. "
Social Video funktioniert aber nicht so. Es ist ein Gesprächsangebot.
Die modernen Tools – Polls, Fragen-Sticker, Links – sind keine Spielereien. Sie sind der Beweis dafür, dass die Ära des Monologs vorbei ist. Und wisst ihr was? Das ist eine gute Nachricht. Denn es befreit uns von dem Druck, perfekt sein zu müssen.
Im Gegenteil: Hochglanz ist verdächtig geworden. Wenn wir auf TikTok oder Instagram etwas sehen, das zu perfekt aussieht, schreit unser Gehirn sofort: "Werbung! Fake! Weiterwischen!" Das verwackelte Handy-Video aus dem Newsroom? Das wirkt echt. Der unperfekte Aufsager, bei dem man sich mal verhaspelt? Das wirkt menschlich.
"Quick and dirty" ist keine Entschuldigung für schlechte Arbeit. Es ist ein Echtheitszertifikat. Es signalisiert: "Ich bin hier, das passiert jetzt gerade, und ich verstelle mich nicht für dich." Das hat eine Wucht, gegen die jeder durchgestylte Imagefilm wie Plastik wirkt.
Die Festung verlassen
Vergesst mal kurz TikTok. Vergesst die Tänze. Vergesst die Trends. Es geht nicht um die App. Es geht darum, dass wir uns jahrelang in unseren Redaktionsstuben und Kommunikationsbüros verschanzt haben wie in einer Burg. Wir haben Logos und Pressemitteilungen vorgeschickt, weil das sicher war.
Aber Sicherheit schafft keine Verbindung. Gesichter schaffen Verbindung.
Ein Text kann informieren. Aber ein Mensch, der in die Kamera spricht und erklärt, warum er diese Recherche gemacht hat oder warum das Unternehmen gerade Mist gebaut hat, baut eine Beziehung auf.
Das ist der Unterschied zwischen einem anonymen Behördenbrief und einem Bier mit einem Bekannten.
Das Fazit (oder: Warum ihr keine Wahl habt, aber das okay ist)
Wir steuern auf eine Welt zu, in der KI bald Texte schreiben wird, die besser, schneller und fehlerfreier sind als alles, was wir produzieren. Das Web wird voll sein mit generischem, perfektem Content.
Wisst ihr, was die KI (noch) nicht kann? Ein unperfekter, chaotischer, echter Mensch sein, der in eine Handykamera blinzelt.
Eure Persönlichkeit, eure Ecken und Kanten, eure "Unprofessionalität" im klassischen Sinne – das ist plötzlich euer größter Wettbewerbsvorteil.
Geht raus. Zeigt euch. Sprecht mit den Leuten.