Warum Startups scheitern: „Der Markt“ ist nicht das Problem
Von Christian Jakubetz
Christopher Buschow, Professor für Digitalen Journalismus in Hamburg, hat genau das getan. Für den neuen Report „Capital Stacks of Journalism“ fasst er seine Forschung über 15 deutsche Nachrichtenstartups zusammen, die zwischen 2011 und 2015 gegründet wurden, und zwar ausdrücklich über die, die gestrauchelt sind oder schon aufgegeben hatten. Die unangenehme Pointe: Gescheitert sind sie in einer Phase, in der der Markt noch gar keinen echten Druck gemacht hatte. Die Ursachen lagen also bei den Gründern selbst.
Was man generell über den Journalismus lernen kann: Journalisten denken und arbeiten immer noch sehr gerne für die eigene Bubble. Und möglicherweise ist genau das das Problem!

1. Der Job ist ein anderer, als man dachte. Gründer unterschätzen, wie viel Arbeit nichts mit Journalismus zu tun hat: Buchhaltung, Verträge, Technik, Recht. Viele haben gegründet, um mehr Freiheit für Journalismus zu haben, und hatten am Ende weniger. Einige vermissten ausgerechnet die Verlage, die sie im Protest verlassen hatten. Ein Team beschrieb seine größte Herausforderung sinngemäß so, überhaupt erst ein Medienunternehmen zu werden, statt einer Gruppe, die das bisher als Hobby gemacht hatte.
2. Lauter Journalisten. Die Gründungsteams bestanden fast nur aus (Ex-)Journalisten mit ähnlichen Lebensläufen. Nur zwei der 15 Gründungen gingen ausschließlich auf Leute von außerhalb der Branche zurück. Wenn alle dasselbe können, bleibt der Rest liegen.
3. Kein Netzwerk, keine Leute. Weil Geld fehlte, arbeiteten Entwickler, Designer, Anwälte und Steuerberater oft unbezahlt mit. Das eigentliche Betriebskapital waren also Kontakte und Ansehen. Wer davon wenig hat, bekommt die nötige Arbeit nicht organisiert.
4. Redaktion und Anzeigenverkauf in einer Person. Wer die Geschichte schreibt und die Anzeige verkauft, kann die Trennung von Redaktion und Geschäft nicht mehr organisatorisch regeln, sondern nur noch mit Selbstdisziplin. Unter finanziellem Druck hält die nicht lange. In einem Fall musste ein Team wählen zwischen einem großen Corporate-Publishing-Auftrag, den es aus Prinzip immer abgelehnt hatte, und der Privatinsolvenz.
5. Gebaut für Journalisten, nicht für Leser. Viele Gründungen wollten professionellen Journalismus ins Digitale übertragen und dachten dabei vom Produzenten aus. Was die Nutzer eigentlich wollen, spielte kaum eine Rolle. Damit wiederholen neue Medien oft genau die Fehler der alten Verlage, gegen die sie angetreten sind.
6. Zu wenig Geld, und zwar systematisch. Gründen ist billig, und genau das ist die Falle: Der Start fühlt sich schon wie ein Beweis an, dass es funktioniert. Unterschätzt wird, was der Alltag kostet, vor allem die Gewinnung zahlender Nutzer, die Präsenz auf immer mehr Plattformen und guter Journalismus, der hartnäckig arbeitsintensiv bleibt. Die Folge ist bitter: Medien, die aus Protest gegen prekäre Arbeitsbedingungen gegründet wurden, arbeiten am Ende selbst mit Aushilfen, Freiwilligen und befristeten Verträgen.
Buschow schreibt das eigentlich für Investoren. Lesen sollte es aber jeder, der gerade überlegt, mit ein paar Kolleginnen und Kollegen etwas Eigenes aufzumachen. Nichts davon ist Schicksal, und fast alles lässt sich vorher erkennen. Man muss nur bereit sein hinzuschauen, bevor man das Impressum anlegt.
Den Beitrag und den kompletten Report gibt es kostenlos unter capitalstacks.media