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    Warum wir eher mehr statt weniger KI brauchen

    Beim Texten KI verwenden? Natürlich ist das erlaubt. Es wäre sogar fahrlässig, es nicht zu tun. Die Frage ist also nicht ob - sondern das wie.


    Von Christian Jakubetz

    Man kann neuerdings rausfliegen, wenn man bei seinen Texten KI verwendet.

    Und damit willkommen zu einer weiteren Folge aus der Reihe „Deutsche Gründlichkeit“. Wenn wir etwas machen, dann richtig. Zwischentöne sind in der Debatte eher unerwünscht, es gibt nur ein Entweder-oder. Das ist einigermaßen erstaunlich, wenn man von einer Technologie spricht, die schon jetzt unsere Jobs verändert wie keine jemals zuvor. Der Tagesspiegel und die FAZ trennen sich von Autoren bzw. depublizieren Beiträge, die mit etwas mehr als a little help from AI gemacht waren. Der immer für eine schnelle Provokation zu habende Mathias Döpfner veröffentlichte dann in der Welt einen Kommentar, den er im Nachhinein als vollständig KI-generiert outete.

    Angeblich übrigens schrieb Döpfner dazu nur einen Zweizeiler als Prompt. Nämlich dergestalt, dass dieser Text „fulminant“ die Argumente von FAZ und Tagesspiegel entkräften sollte. Wenn die Geschichte stimmen sollte, dann hat entweder Döpfner absolut keine Ahnung von KI oder sein Stil und seine Argumentation sind derart von der Stange, dass sich die KI denkt:Ah, einen Döpfner-Text soll ich imitieren, kein Problem, voilà!

    Oder die Geschichte stimmt halt nicht.

    Klang aber gerade so schön knackig: wie wir mit einem Zwei-Zeilen-Prompt die ganzen Schöngeister von FAZ und Tagesspiegel erledigt haben. Als treue Leser dieses Newsletters wissen Sie natürlich schon lange, dass es so einfach dann auch wieder nicht ist.

    Aber egal, die Prompts von Mathias Döpfner sind heute nicht das Thema. Klar, wer ungeprüften KI-Text eins zu eins als Eigenleistung verkauft, betreibt handwerklichen Betrug. Aber die Debatte geht ja tiefer und dreht sich meist um die kleinkarierten, zugespitzten und elegant an der Problematik vorbeigehenden Argumente. Ganz so, als wäre die Frage: DARF ein Medienmensch KI benutzen?

    Höhöhö, was für eine dumme Frage. Ich würde es umformulieren: Er darf nicht nur, er muss sogar. Die Frage ist also nicht, ob … sondern wie! 

    Ab wann ist eine Leistung eine Eigenleistung?

    Es geht demnach zunächst um eine Grundsatzfrage: Ab wann ist ein Text (oder ein wie auch immer gearteter Beitrag) eine eigene Leistung?

    Ich ahne Ihren Antwort-Reflex. Dann, wenn dieser Beitrag tatsächlich von demjenigen stammt, der als Verfasser angegeben ist. Das ist erst mal nicht von der Hand zu weisen, aber ich würde Ihnen dennoch gerne eine kleine Geschichte erzählen.

    Ich habe mal ein ziemlich langes Stück für ein wirklich sehr großes Magazin geschrieben. Es war eines der längsten im ganzen Heft, lief über etliche Seiten. Sie können sich vermutlich vorstellen, wie groß der Aufwand dahinter war. Lange Recherche, ziemlich aufwendiges Überlegen, wie man die ganzen Ergebnisse dieser Recherche unterbringt. Viel Tüfteln, bis dann endlich mal aus den ganzen Versatzstücken ein brauchbarer Text wurde.

    Dann schaute der erste drüber.

    Dann ein zweiter.

    Dann die Dokumentation.

    Dann wieder der erste und dann der zweite.

    Mit meinem Original hatte der Text, der dann erschien, nicht mehr viel zu tun. Ich hatte zwar die ganzen Inhalte recherchiert, aber „geschrieben“ wurde der Text de facto von drei Leuten. Und die Recherche wurde zudem von der Dokumentation geprüft. Demnach waren also an diesem schönen Stück mindestens vier Menschen beteiligt.

    In der Autorenzeile stand ein Name. Meiner.

    Aber: War das überhaupt mein Text?

    Bevor Sie denken, das sei eine extreme Ausnahme gewesen: Das war und ist es nicht. In jedem halbwegs ordentlichen Laden hängen eine ganze Menge Menschen an einem Stück. Käme jemand auf die Idee, Redigieren als „Betrug“ zu bezeichnen? Und wie groß müsste dann der Anteil der ursprünglichen Eigenleistung sein? 80 Prozent? 50 oder doch nur 40 Prozent?

    Bevor wir also weiter über dieses KI-Thema debattieren: Unterstützung von anderen ist nicht nur erlaubt, sie ist schlichtweg professionell. Und hey, hier noch eine kleine Offenlegung: Natürlich wird eine KI auch diesen Text gegenchecken, ehe er seinen Weg in den Newsletter findet. Wäre ja absurd, wenn nicht. Heißt ja auch nicht, dass ich jeden Vorschlag der KI annehmen muss, so viel eigenes Hirn habe ich gerade noch. Aber es wäre fahrlässig, es nicht zu tun.

    Ach, und falls Herr Döpfner wider Erwarten jemals diesen Text lesen sollte: Ich bringe nicht mal meinen Auftrag zum Gegencheck in einen Miniprompt unter. Aber ich kann es ja nachher mal versuchen mit: Mach mir aus diesem Text einen fulminanten Newsletter!

    Es würde also schon mal helfen, wenn wir aus dem Entweder-oder beim Thema KI ein it depends machen würden. KI als Hilfsmittel zu nutzen, ist jedenfalls legitim. Und wie möchte man eigentlich Medienmenschen klarmachen, wie wichtig das Thema KI ist, wenn man gleichzeitig sofort Skandal schreit, wenn es denn jemand macht?

    Am Ende entscheidet der Markt

    Sie dürfen mich selbstverständlich für einen naiven Trottel halten, aber ich glaube an die Selbreinigungskräfte des Marktes. Und daran, dass Menschen allergisch reagieren, wenn man ihnen das immer noch schnell erkennbare KI-Geschwafel als Journalismus oder sonstige Form der Medienkommunikation unterjubeln will.

    Zumindest dann nicht, wenn es um solche Dinge wie Meinung, Debatte, Haltung geht. Ob eine KI die Auswertung einer Jahresbilanz eines Konzerns geschrieben hat, ist per se erst einmal wurscht (solange natürlich die Fakten stimmen und das Ganze in halbwegs erträgliches Deutsch gepackt ist).

    Apropos erträgliches Deutsch: Nach wie vor gilt, dass KI jede Originalität fehlt. Sie reproduziert erwartbares Mittelmaß, sie berechnet irgendwelche Wahrscheinlichkeiten und ist so kreativ wie ein Holzklotz. Auch hier empfiehlt sich ein Blick auf LinkedIn: Um den dort massenweise vorhandenen Slop zu erkennen, muss man sich nicht mal intensiv mit dem Thema beschäftigt haben. Das Zeug entlarvt sich meistens von allein und meistens, notabene, sind es ohnehin immer die gleichen Typen, die so etwas machen. Die User mit etwas verbliebenem Restanspruch verdrehen genervt die Augen und scrollen weiter. Selbstreinigung eben. Womöglich gibt es eine Klientel, die so was mag und dafür anfällig ist, aber hey, mal ehrlich: Das ist eine Zielgruppe, die Sie vermutlich ohnehin nicht wollen und die Sie deshalb gerne weiter von der KI beschallen lassen können.

    Und ja, natürlich kenne ich auch Menschen, deren nahezu gesamter Output aus KI-Quark besteht. Du liest zwei Zeilen, danach weißt du Bescheid – und tschüss! Aber nicht, weil mich die Verwendung von KI generell stören würde. Sondern weil das Ergebnis so erschütternd schlecht ist. Nebenbei bemerkt: Es wundert mich ja immer, wenn Menschen zwar so schlau sind, dass sie sich von KI helfen lassen – und danach doch so doof sind, ihren eigenen Verstand beim ersten Prompt an der Garderobe abzugeben und die Maschine irgendwelchen langweiligen Nonsens schreiben zu lassen.

    KI hilft Ihnen also per se ganz und gar nichts. Solange Sie nicht in der Lage sind, Ergebnisse zu erzielen, die tatsächlich irgendjemanden interessieren, berühren, womöglich sogar ärgern. Egal – weil alles, wirklich alles besser ist als mediokrer Kram, der inzwischen terabyteweise ins Netz geschüttet wird.

    Nutzen Sie also ruhig mit allerbestem Gewissen KI. Lernen Sie jeden Tag dazu, welche großartigen Möglichkeiten es gibt. Aber vergessen Sie dabei auch nie ihre Grenzen und Unzulänglichkeiten. Mit etwas Glück und reichlich Können bekommen Sie dann ein ordentliches Ergebnis. Das ist das Einzige, was zählt.

    Aber war das jemals anders?