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    Warum wir wieder mehr echte Stimmen brauchen

    Wenn sich über die Hälfte der Deutschen von Ihren Feeds und anderen Inhalten genervt fühlen, dann geht irgendwas in die falsche Richtung. Die Gründe für diesen hohen Grad an Genervtheit sind schnell benannt: KI. Und ihr exzessiver Gebrauch.


    Von Christian Jakubetz

    Unsere Newsletter als Podcast vertonen – ich gebe zu, ich habe diesen Gedanken eine ganze Zeit gehabt. Technisch wäre das kein großes Problem mehr. Mit Notebook LM oder ElevenLabs lassen sich aus Texten wie diesem Newsletter eben ziemlich einfach simulierte Unterhaltungen machen. Podcast eben. Zwei Talking Heads über ein Thema. Erstellt in wenigen Minuten zu minimalen Kosten und das alles in einer erstaunlichen Qualität. Wäre das nicht toll?

    Ich habe echt mit mir gerungen. Am Ende lautete die Antwort:

    Nein!

    Ein paar Tage nach meinem finalen Nein zu mir selbst las ich dann ein LinkedIn-Posting der Kollegen der „Augsburger Allgemeinen“. Sie stellten einen Augsburg-Podcast, ebenfalls KI-generiert, wieder ein. Kurz und schmerzlos, no big deal. Es war auch nicht so, dass die Idee dieses KI-Podcasts krachend gescheitert wäre. Er hat nur schlichtweg zu wenige Leute wirklich interessiert. Engagement und Resonanz deutlich unterhalb der „menschlichen“ Podcasts, schrieben die Kollegen.

    Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich schreibe das ohne jede Häme und Besserwisserei. Ich habe im Gegenteil großen Respekt, wenn eine Redaktion so etwas einfach mal ausprobiert. Jetzt also sind wir alle etwas schlauer, das hat mit Scheitern oder Fehlern nichts zu tun, um das mal so ganz grundsätzlich loszuwerden.

    Warum also hat der KI-Podcast in Augsburg nicht funktioniert und wieso machen wir bei Universalcode erst gar keinen? Die Antwort ist nicht spezifisch für das Thema Podcast. Sie ist vielmehr eine, die dafür steht, was dieses Jahr 2026 ausmacht. Auf einen Satz gebracht: 

    Nur weil man etwas machen kann, heißt das nicht, dass die Leute das auch wollen.

    Das kann man sich vor allem beim Groß-Thema KI hinter die Löffel schreiben.

    Es gibt, das ist absehbar, ein Pendel, das langsam aber spürbar zurückschlägt. Weil plötzlich wieder Dinge zählen, von denen wir womöglich verfrüht gedacht haben, dass sie keine so große Rolle mehr spielen. Beispielsweise: Menschen. Mit all ihren Macken und auch ihren Fehlern. Ein KI-generierter Podcast (wie auch viele andere KI-generierte Inhalte) mag fehlerfrei sein. Er ist leider auch steril. Uninspiriert. Wenig einladend. Vermutlich verleitet er nicht mal zu Widerspruch oder anderen Emotionen. Ganz einfach deswegen, weil er auch komplett emotionslos hergestellt wurde.

    Weswegen es wiederum kein Wunder ist, dass der Podcast aus Augsburg sehr wenig Engagement erzeugt hat. Eine Maschine erzeugt kein Engagement und auch keine Emotion. Das können nur Menschen.

    Und genau hier berührt meine persönliche Entscheidung einen Trend, den die Analysten von Deloitte für dieses Jahr 2026 sehr klar benennen. Wir erleben nämlich gerade das, was ich den „KI-Overkill“ nenne – oder was in der Branche zunehmend als „Slop-Fatigue“ die Runde macht.

    Gründe für die KI-Müdigkeit

    Die Zahlen dazu sind ernüchternd: Laut aktuellem Digital Consumer Trends Report geben 56 % der Nutzer an, dass sie von KI-generierten Inhalten in ihren Feeds schlichtweg genervt sind. Wir steuern auf eine massive Vertrauenskrise zu. Warum? Weil das Internet gerade mit Inhalten geflutet wird, die nur existieren, weil ihre Erstellung nichts mehr kostet. Das Verhältnis von wertvoller Information zu digitalem Grundrauschen – die sogenannte Signal-to-Noise-Ratio – kippt gefährlich in Richtung Lärm.Millionen Worte auf Knopfdruck - wer braucht (und will) das?

    Daraus ergibt sich für uns – und eigentlich für jeden, der 2026 im Mediengeschäft noch ernst genommen werden will – ein neues Koordinatensystem. Wenn wir uns die Deloitte-Zahlen ansehen, wird klar: Wenn jeder per Knopfdruck eine Million Wörter generieren kann, ist das einzelne Wort erst mal: nichts mehr wert. Das ist buchstäblich eine Entwertung der Masse. Dass „jemand“ schreiben oder Videos produzieren kann, heißt zunächst einmal nichts mehr.

    Der Wert verschiebt sich radikal weg vom Content hin zur Glaubwürdigkeit der Quelle. Drei Dinge werden dabei zum entscheidenden Alleinstellungsmerkmal:

    Proof of Human:  Slop gibt es inzwischen unerträglich viel. Da wird journalistische „Handarbeit“ zum Luxusgut. Das ist wie Plastik gegen Edelmetall. Das Ausweisen von echter Recherche, von Vor-Ort-Terminen und vor allem von einer individuellen Meinung ist kein alter Zopf, sondern das neue Premium-Feature. Sogar dann, wenn mal Fehler gemacht werden. Lustig, dass das, was wir seit Millionen Jahren zu eliminieren versuchen, jetzt zum Ausweis unserer Handarbeit werden kann (also, macht mehr Fehler, Leute!)

    Kuratierte Räume: Der Wert eines Mediums bemisst sich heute nicht mehr daran, wie viel es publiziert, sondern was es weglässt. Newsletter, geschlossene Communities oder Bezahl-Plattformen gewinnen genau deshalb: Weil sie „Slop-freie Zonen“ garantieren. Wir sind nicht mehr die Lieferanten von Fülle, sondern die Türsteher gegen den Müll. Das ist übrigens ein ehrenwerter Job und genau das, was wir ebenfalls schon seit Jahrmillionen machen. Selektieren, kuratieren, einordnen. So viel ändert sich also gar nicht.

    Die neue Transparenz: Wer KI nutzt, muss das defensiv tun. Wer nur ein bisschen „mitslopt“, ohne es klar zu kennzeichnen, gerät sofort unter Generalverdacht. Vertrauen ist 2026 die härteste Währung, und die verspielt man mit intransparenten Algorithmen schneller, als man „Prompt“ sagen kann.

    Es ist eine paradoxe Situation: Die Technologie macht alles einfacher, aber die Relevanz wird dadurch schwerer zu verdienen. Aber genau darin liegt die Chance. Wir machen keine „optimierten“ Inhalte (ich habe, aufmerksame Leser wissen das, die Begriffe Content und Optimierung ohnehin immer verachtet). Wir machen Journalismus. Medien. Und Kommunikation. Von Menschen, für Menschen.

    F*ck u, Machine!